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Liebeserklärung an das Hörbuch : Sei still, der Bernhard spricht!

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Etwas Zuversichtliches schwingt mit

Voss, der eine Sonderrolle unter allen Bernhard-Vorlesern spielt, schon deshalb, weil Bernhard eigens für ihn Theaterstücke schrieb und „ein Schauspieler wie Sie geht nicht auf den Opernball“ zu ihm sagte, hat von der Prosa Bernhards „Ein Kind“, den letzten und für viele schönsten Teil der Autobiographie Bernhards gelesen. Ein Buch, dessen Melodie innerhalb des Bernhard-Werkes einzig dasteht.

1982, im selben Jahr wie das große Freundschaftsbuch „Wittgensteins Neffe“ erschienen, ist es der Text, der ganz an den Anfang reicht, dorthin wo die Riesen wohnen, die mächtigsten Gegner der Lebensangst: Der Großvater, die Großmutter, die Menschen und Tiere auf dem Hippinghof. Man kann die  Anwesenheit dieser für Bernhard fast mythischen Figuren in der Stimme von Voss wunderbar hören. Etwas Zuversichtliches schwingt mit, als ob, solange der Großvater über das Leben entscheidet, die Welt nicht wirklich töten könne. Daher die besondere Wärme dieser Lesung, ihre Ruhe, die Zuversichtlichkeit und der unschuldige, fast märchenhafte Ton, der das Kind wie ein Schutz begleitet.

Bernhard ist nie müde geworden „die Erfahrung des Großvaters“ oder „die Schule des Großvaters“ als die erste und entscheidende Wirklichkeit seines Lebens zu bezeichnen. Zwei Erfahrungen hat er davon unterschieden. Die Erfahrung aller anderen Menschen und die eigene. Der verliebte Bernhard-Hörer erkennt sie mit der Zeit an ihrem Klang, ihren stimmlichen Motiven. Er unterscheidet solche der Sehnsucht von denen der Kränkung und des Hochmuts. Und er lernt, dank eines Bernhard-Sprechers wie Burghart Klaußner, den aggressiven Bezichtigungston auf keinen Fall mit der zärtlichen Verzweiflungklarsicht zu verwechseln.

Ein Wagnis ist vor dem Mikrofon zu bestehen

Der Abstand ist minimal aber wesentlich, und Klaußner beherrscht ihn vollkommen. Er habe, sagt er, noch etwas gut zu machen gehabt an Bernhard. „Ein Totalunverständnis, genau genommen“. Mit 21 Jahren, ein junger Schauspieler am Berliner Schillertheater „ohne jeden Sinn für Wiederholungsdramaturgie und deren Tiefe“, habe er den älteren Kollegen in Dieter Dorns Inszenierung von „Der Ignorant und der Wahnsinnige“ zugesehen. Unpolitisch sei ihm dieses Stück und dessen Sprache vorgekommen, viel zu sehr aufs Privat-Befindliche aus. Klaußner begegnet seinem 21 Jahre alten Ich nicht ohne Spott. Nein, dieser Mann, das ist klar, würde sich beim Vorlesen eines Bernhard-Textes niemals in einen Sessel setzen.

Ein Wagnis ist vor dem Mikrofon zu bestehen. Eine Gefahr zu meistern. Es macht Sinn, einen strengen Mann wie ihn in „Die Kälte“ zu schicken. Einen Anführer, der mit Chuzpe seinen Zuhören in die Sterbezimmer der Lungenheilstätte Grafenhof vorausgeht. In die Ordinationszimmer der Lungenärzte, wo der Herr Professor über ein Telefongespräch mit seiner Haushälterin, das Mittagessen betreffend, vergisst, dass Luft in den Brustkorb seines jungen Patienten einströmt. Der Patient krepiert beinahe, ruiniert ist das Pneumoperitoneum und damit die Aussicht auf Heilung, wenn nicht vernichtet, so jedenfalls entscheidend geschwächt.

An irgendeinem dieser Kältepunkte, hört man, muss sich der kranke in einen lebenslang todkranken Patienten verwandelt haben. Die Kunst gewinnt aus der Bedrohung etwas Neues. „Einen Überlebenston“, sagt Klaußner. Einen Ton, dem man in Zuneigung verfallen kann, weil er sich, frei nach Bernhard, weder für die Tragödie noch für die Komödie entscheidet. Er stirbt nicht. Im Gegensatz zur kaputten Lunge, der er ursprünglich entstammt. Das ist der Trost. Er habe, sagt Burghart Klaußner, die Geschichte eines Siegers gelesen.

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