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Kasper König in St. Petersburg : Warum Matisse aus der Eremitage ausziehen muss

„Solange man es nicht schwul nennt“: Was alles bedacht werden muss, wenn man die Manifesta, eine Biennale zeitgenössischer europäischer Kunst, ausgerechnet in Russland kuratiert.

          Der große Mann im blau-weißen Flanellhemd sucht ein Krokodil. Aufmerksam blättert er durch seine Sticker-Bögen, aber Krokodile gibt es nicht. Doch dann entdeckt er einen Hasen, atmet ein dumpfes „Ha!“ aus und klebt den Sticker auf eine Ansichtskarte - direkt auf die Abbildung einer Leninstatue. „Jetzt habe ich alles entpolitisiert“, sagt Kasper König und zeigt seinen Angestellten die neue Häschen-anstatt-Lenin-Karte. Seine nächste große Ausstellung wird nicht so unpolitisch. Denn Kasper König kuratiert die kommende Manifesta in St. Petersburg. Und ebenso seltsam wie die Manie des Siebzigjährigen, immer und überall Postkarten zu basteln, ist auch die Vorstellung, dass die europäische Biennale Manifesta in einem Land stattfinden wird, das man eigentlich nicht europäisch nennen kann. Schließlich sind Russland Europas Werte vollkommen egal. Die Demokratie gibt es nur in Verbindung mit dem Adjektiv „gelenkt“ davor, das Parlament verabschiedet die verrücktesten Gesetze, und an der Spitze ist ein König, der sich als Präsident verkleidet. So waren die Begnadigungen von Michail Chodorkowskij, Nadeschda Tolokonnikowa und anderen Strafgefangenen keine taktischen Züge Putins, es waren nur Zeugnisse seiner Willkür.

          Anna Prizkau

          Redakteurin im Feuilleton.

          Jeden Monat fliegt Kasper König an die Newa, um seine Ausstellung zu planen. Seit zwei Tagen ist er nun schon wieder in der Stadt. Mit seinen russischen Assistentinnen, die wegen ihrer langen braunen Haare, des anmutigen Gangs und der kirschroten Lippen aussehen wie halbe Angelina Jolies, spaziert der ehemalige Museumsdirektor von seinem Petersburger Büro zur Eremitage. Der Weg entlang der breiten Straßen, vorbei an Häusern, die so perfekt zusammenpassen, als wären sie überdimensionale Bühnendekorationen, ist viel zu kurz, um über diese Stadt zu staunen. „St. Petersburg ist eine utopische Konstruktion“, sagt Kasper König. „Peter ist einfach aus dem Meer getaucht“, so sagen es die Russen, weil ihnen die Errichtung der einstigen Hauptstadt immer schon wunderhaft und bizarr zugleich erschien. Denn die Idee des Zaren, eine Stadt auf Sümpfen zu erbauen, war bestimmt nicht die beste, doch eine typisch russische. Logik ist hier niemals ein Argument gewesen. Mit patriotischer Sturheit - die selbst heute noch alle Probleme löst - und Tausenden toten Zwangsarbeitern bekam Peter der Große die Stadt, die er so lange wollte. „Das Fenster nach Europa!“, nannte sie Puschkin in seinem Gedicht „Der eherne Reiter“. Dieses Fenster will König anlässlich der Manifesta wieder öffnen.

          Ein Fall für die Anwälte

          Am Triumphbogen gegenüber der Eremitage angekommen, geht der Kurator zuerst zum Haupteingang des Generalstabshauses. Er plant, dort einen großen Teil der Ausstellung zu zeigen; der andere Teil der Manifesta zieht direkt in die Eremitage. Es ist noch dunkel in St. Petersburg, obwohl schon später Vormittag. Die Stadt der weißen Nächte ist im Winter eine Stadt der schwarzen Tage. Und in dem dunklen Nebel erscheint das Generalstabshaus, vor dem nun der Kurator steht, absolut surreal. Fast so, als hätte es sich seiner Instrumentalisierung angepasst: Der Ostflügel ist ein Museum, im Westflügel sitzt das Oberkommando der Streitkräfte. Dass Kunst und Militär in einem Haus zusammenwohnen, braucht keine Erklärung. Es ist ganz einfach Russland.

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