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Isabelle Huppert im Gespräch : „Das ist kein anderes Leben, das bin ich selbst“

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Sich verwandeln müssen, um sich treu zu bleiben: Isabelle Huppert als Blanche Dubois in „Endstation Sehnsucht“ in einer Inszenierung von 2010 Bild: Pascal Victor/dpa

Sie weiß mehr über ihre Rollen, als die meisten ihrer Kollegen - und doch sieht sie sich nicht als Intellektuelle. Isabelle Huppert gibt Auskunft über die prägenden Begegnungen ihres Lebens.

           In letzter Zeit haben Sie Mütter, Töchter, Gefangene und Liebende gespielt, für so verschiedene Regisseure wie Michael Haneke, Brillante Mendoza, Hong Sangsoo, Marco Bellocchio und Eva Ionesco. Zuletzt verkörperten Sie eine lesbische Klostervorsteherin in der Diderot-Verfilmung „Die Nonne“ Ihres Landsmanns Guillaume Nicloux. Gibt es irgendetwas, das alle diese Rollen verbindet?

          Wenig. Jede steht für sich. Jeder dieser Regisseure ist ein Cineast mit einem sehr eigenen Blick, einer eigenen Welt. Guillaume Nicloux beispielsweise hat vorher ziemlich dunkle Filme gemacht, Geschichten aus einem düsteren Noir-Universum, sehr eigenartig. Ich hatte keinen davon gesehen, aber von manchen im Gespräch gehört. Deshalb fand ich es interessant, dass er sich für einen klassischen Stoff wie „Die Nonne“ interessiert. Und auf den zweiten Blick merkte ich dann, dass das eigentlich sehr gut zusammenpasst, denn es gibt eine sehr bittere, grausame Seite in der Geschichte. Das ergibt einen interessanten Zusammenklang mit der Art, wie Guillaume Regie führt. Bei ihm gibt es kaum Vorbereitung, keine ausgiebige Lektüre, keine Versenkung in die Psychologie der Charaktere. Er dreht sehr rasch und spontan, von vielen Einstellungen gab es nur einen Take. Der Film ist nicht zufällig von Sylvie Pialat produziert worden, der Witwe von Maurice Pialat. Pialat mochte Guillaume Nicloux sehr, er spürte da eine große Nähe der künstlerischen Sensibilität. Auch Nicloux arbeitet schnell, direkt, fast ein wenig brutal, er geht unmittelbar auf die Schauspieler ein. So ein literarisches Sujet hat immer etwas Schweres und Schulstoffhaftes, dagegen ist diese intuitive Art ein gutes Gegenmittel.

          In vielen Ihrer großen Rollen, von der „Spitzenklöpplerin“ bis hin zur „Klavierspielerin“ und der Richterin in Claude Chabrols „Geheime Staatsaffären“, wirken Sie sehr kontrolliert, fast distanziert, so als schauten Sie sich dauernd selbst beim Spielen über die Schulter. In der „Nonne“ dagegen hat Ihr Spiel fast etwas Überschäumendes. Haben Sie sich mehr in die Figur hineingesteigert?

          Im Grunde spiele ich nie besonders kontrolliert. Es sind die Filme, die Inszenierungen, die den Eindruck von Kontrolle und Distanz entstehen lassen. In der „Nonne“ geht es um eine Oberin, die sich hemmungslos in eine jüngere Nonne verliebt. Die Herausforderung bestand darin, diese Frau so wenig karikierend und so natürlich wie möglich zu spielen. In dem Roman von Diderot wird diese Figur von allem, was ihr passiert, völlig überwältigt, geradezu zerschmettert. Das ist ja nicht die Blutgräfin Erzsébet Báthory, die alle Mädchen aufschlitzt, mit denen sie schläft, und auch keine professionelle Lesbe. Das ist eine Respektsperson, eine Autorität, die hilflos ihren Gefühlen ausgeliefert ist, die sie nicht einmal richtig versteht. Alle großen Gefühle gehen ja über unsere Kräfte. Diese Frau erlebt eine Amour fou, an der sie zugrunde geht.

          In ihrem Ausgeliefertsein an ihre Gefühle hat diese Frau auch komische Seiten, wie man sie bei Ihnen zuletzt vielleicht vor zehn Jahren in François Ozons „Acht Frauen“ entdecken konnte. Haben Sie diesen Akzent bewusst in die Figur hineingelegt, oder war er in der Vorlage schon da?

          Bei Diderot, wie bei den meisten großen französischen Autoren, bei Flaubert, selbst bei Stendhal, gibt es immer eine Art ironische Distanz zu dem, was er schildert. Diderot selbst hat sich den Roman als literarische Moritat vorgestellt, mit allen Übertreibungen, die damit einhergehen. Dazu gehört auch die leichte Outriertheit, die meiner Rolle anhaftet. Diese Frau ist zugleich tragisch - sie stirbt ja an ihrer Liebe! - und grotesk. Die sehr karge, reduzierte Umgebung des Klosters wird zum Schauplatz einer Grenzüberschreitung, einer Transgression. Darin liegt der eigentliche Skandal: Die Amour fou verletzt die Regeln, die durch die Kulisse vorgegeben sind, die Ordnung des Dekors bricht zusammen.

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