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Michi Strausfeld im Gespräch : „Die Folklore, das bin ich“

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Hat die südamerikanische Literatur in Deutschland salonfähig gemacht: die Hispanistin Michi Strausfeld Bild: Isolde Ohlbaum/laif

Brasilien ist Gastland der Buchmesse: Wie magisch darf Realismus sein, und wann stellt sich das Land seiner Vergangenheit? Ein Interview über das Verhältnis von Literatur, postkolonialer Identität und und Diktatur.

          In den siebziger Jahren gab es von Paris ausgehend einen literarischen Lateinamerika-Boom: Gabriel García Márquez, Alejo Carpentier, Carlos Fuentes und andere verbindet man heute mit dem Stil des magischen Realismus: Volkskultur, Mythologie und Aufklärung gingen darin eine exotische Verbindung ein – exotisch für europäische Leser. Wie positioniert sich die brasilianische Literatur in dieser stilistischen Fauna?

          Beide Sprachgruppen Lateinamerikas haben ihre je eigenen Wurzeln. Bei den Hispanoamerikanern ist es Cervantes und bei den Brasilianern der portugiesische Nationaldichter Camões. Hinzu kommt die jeweils eigene nationale Geschichte, und die ist natürlich im spanischsprachigen Amerika eine ganz andere als in Brasilien. In Mexiko und Peru zum Beispiel hatte man die Hochkulturen des Kontinents. In Brasilien ist der Einfluss der afrikanischen Sklaven wichtig.

          Gibt es einen literarischen Gründungsakt, eine Art Unabhängigkeitserklärung von den stilbildenden Ahnen aus Europa?

          Das bekannteste Wort dazu ist von Stefan Zweig. Er hat gesagt, die brasilianische Literatur ist mit Machado de Assis und mit Euclides da Cunha, Ende des neunzehnten Jahrhunderts, in die „Aula der Weltliteratur“ eingetreten. Und das stimmt natürlich, denn vorher gab es zwar ein paar Romantiker, ein bisschen Lyrik, doch das fiel wenig ins Gewicht. Modern wird die Literatur Brasiliens erst mit Machado de Assis. Seine Figuren, Quincas Borba zum Beispiel, sind jedem Brasilianer ein Begriff und viele Autoren beziehen sich darauf. Das Gleiche gilt für Euclides da Cunhas „Os Sertões“ – das große Epos, das wegweisend war für die brasilianische Literatur.

          Was ist charakteristisch an den Werken dieser beiden Autoren?

          Machado de Assis hat einfach Typen geschaffen, soziale Typen. Er war eine Art Balzac Brasiliens, nur dass sein Werk nicht sehr umfangreich ist. Es gibt eine Handvoll Romane. In „Quincas Borba“ geht es um das Leben in Rio um 1900. Euclides da Cunha wiederum ist als Reporter in den Sertão, in den dürren Nordosten Brasiliens, gezogen und hat dort den Krieg gegen die Aufständischen aus dem Hinterland dokumentiert. Die Regierungstruppen haben vier Militärexpeditionen geschickt, bis Canudos wieder befriedet war, also befriedet in ihrem Sinne: bis sie die letzten Leute umgebracht hatten. Da Cunha hat die politischen Ereignisse Brasiliens beobachtet und das dann aufgeschrieben.

          1922 gab es eine Zäsur: In São Paulo wurde die legendäre „Woche der modernen Kunst“ abgehalten, auf der Kunstauffassungen der europäischen Avantgarde im Lichte der lateinamerikanischen Realitäten verhandelt wurden.

          Anlässlich des hundertsten Jubiläums der Unabhängigkeit Brasiliens von Portugal. Und wenn man so will, war das das Fanal. Nicht nur für die Literatur, sondern auch für die Architektur, die Musik, die Malerei, den Essay. Brasiliens großer Baumeister Oscar Niemeyer war dabei. Ebenso der Komponist Heitor Villa-Lobos, der gesagt hat, „Le folklore c’est moi“. Dann die Künstlerin Tarsila do Amaral, Mário de Andrade, der Lyriker, Romancier und Essayist war und viele andere. Das war ein Fanal der Modernität und ist der entscheidende Schritt gewesen in der brasilianischen Literatur.

          Es sollte dann aber noch einige Jahre dauern, bis die großen Romanciers, die heute den brasilianischen Literaturkanon bilden, auf den Plan traten.

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