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Julia Kristeva im Gespräch : Sprich über deine Schatten

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Als Diderots Nonne das Kloster verlässt, weint sie. Die Europäer haben in ihrer ganzen bewegten Geschichte das Religiöse verinnerlicht. Ich hatte das Privileg, Papst Benedikt XVI. zu begegnen. Während unseres Gesprächs sagte er mir, ich müsse großes Leid empfinden, weil ich Jesus noch nicht gefunden hätte. Aber mit dieser letztlich erwartbaren Bemerkung ließ es der Papst nicht bewenden. Er fügte hinzu, die Wahrheit sei ein Weg, eine ständige Befragung und das Ergebnis eines ständigen inneren Kampfes.

Letztlich sagte er mir, dass niemand die Wahrheit besitze, was für einen Papst doch sehr erstaunlich ist. Genau besehen, sprach Papst Benedikt hier als Europäer. Deshalb glaube ich, wir sind hinreichend gerüstet, um dieses kulturelle Erbe zu erkennen, das im religiösen Phänomen besteht. Wir sollten keine Angst davor haben.

Indem wir es in unsere Kultur der Ratlosigkeit integrieren?

Ja. Beide bilden ein Ganzes und bereichern sich gegenseitig. Europa ist ein Kontinent, der hinter die ernstesten Fragen ein Fragezeichen gesetzt hat. Selbst das höchste Wesen hat man dort dekonstruiert. Diese Kultur der Sinnsuche, dieser „abgeschnittene Faden der Tradition“, von dem Tocqueville sprach und über den Hannah Arendt so viel geschrieben hat, ist die Grundlage des Humanismus, ein großer Augenblick, dessen Narben Europa trägt, den es aber nicht akzeptiert.

Wir brauchen uns dennoch nicht unserer Kultur des Infragestellens zu schämen, ganz im Gegenteil. Wir verdanken ihr die Befreiung des Körpers, die Freiheit des Denkens und das Recht auf Abweichung, die Flexibilität des Denkens, einen gewissen Hang zum Schöpferischen und zum freien Unternehmertum, Wachsamkeit gegenüber jeglicher Form von absoluter Macht oder gegenüber der Versuchung des Krieges.

Diese Kultur ist das beste Gegengift gegen Verkrampfungen, gegen die eindimensionale Geschwindigkeit unserer hypervernetzten Welt, gegen jegliche Form von Integralismus, gegen die einseitige Betonung des Ökonomischen oder des Religiösen. Sie schützt das Singuläre eines jeden: Europa ist vom Kult der Person, von der Sorge um die Person geprägt.

Diese Fähigkeit, dem Einzelnen einen besonderen Wert beizumessen, ist ein Schutzdamm gegen Nivellierung und Banalisierung. Sie bringt eine vertikale Dimension ins Spiel, die der inneren Erfahrung und der psychischen Innerlichkeit, deren fundamentalen Ausdruck die europäische Kunst und Literatur darstellt. Diese Erfahrung des Innersten ist typisch europäisch.

Auf diese Weise gelänge es Ihnen, dem heutigen Europa neuen Sauerstoff zuzuführen?

Sagen wir, auf diese Weise könnte Europa verstehen, dass es in unserer globalisierten Welt eine Mittelmacht darstellt, die der Menschheit dennoch eine starke Botschaft zu vermitteln hat. Wanderschaft, Erkenntnis, Respekt vor dem Singulären, Zweifel, Befragung - niemand sonst vermag diese Werte zu vermitteln, die das Fundament der europäischen Kultur bilden, nicht einmal die Vereinigten Staaten.

Aber wie könnte man den Europäern die großartigen Trümpfe zu Bewusstsein bringen, die ihre Identität birgt?

Wir Intellektuelle haben die Aufgabe, sie zu erkennen und weiterzugeben. Indem wir zum Beispiel eine europäische Kulturakademie gründen, deren Arbeiten einem breiten Publikum zugänglich gemacht würden. Indem wir europäische Literatur- und Filmpreise schaffen. Indem wir Ausstellungen organisieren, die in ganz Europa gezeigt werden. Indem wir die Entstehung des mehrsprachigen europäischen Bürgers fördern, als Kind des Erasmus-Programms und als Vermittler des europäischen Gedankens. Es ist unsere Aufgabe, den Staffelstab zu übernehmen und die erforderlichen Geldmittel aufzutreiben. Es ist an der Zeit, ein kraftvolleres und stolzeres europäisches Bewusstsein entstehen zu lassen.

Zur Person

*** Die Psychoanalytikerin, Essayistin und Romanschriftstellerin Julia Kristeva kam 1941 im bulgarischen Sliven zur Welt. Mitte der sechziger Jahre konnte sie dank eines Promotionsstipendiums nach Paris emigrieren. Damals hatte sie laut einer Erzählung ihres Ehemannes Philippe Sollers gerade mal einen Koffer und fünf Dollar dabei. Bis heute lebt sie in Paris und ist emeritierte Professorin an der Universität Denis Diderot.

*** Bald nach ihrer Ankunft in Paris wurde sie zu einer der wichtigsten Figuren der intellektuellen französischen Linken. Sie veröffentlichte Essays in der legendären avantgardistischen Literaturzeitschrift „Tel Quel“, gemeinsam mit Denkern wie Michel Foucault, Jacques Derrida und Roland Barthes. Letzterer sagte einmal über sie, es gelinge ihr immer, das erste Vorurteil zu zerstören. Kristeva gilt als Begründerin des literaturtheoretischen Konzepts der Intertextualität.

*** Zunächst dem klassischen Strukturalismus verhaftet, besuchte sie 1979 die berühmten Seminare von Jacques Lacan. Im Anschluss wurde sie selbst Psychoanalytikerin. Ihre Arbeit bewegt sich im Spannungsfeld von Psychoanalyse, Poststrukturalismus und feministischer Theorie. In Werken wie „Schwarze Sonne“ (1987) beschäftigt sie sich mit vom gesellschaftlichen Diskurs abgespaltenen Themen wie Depression und Ekel, schreibt in jüngerer Zeit aber auch vermehrt literarisch. Kristeva ist engagierte Europäerin und setzt sich in internationalen Diskussionsrunden und Interviews immer wieder für eine Besinnung auf humanistische Werte ein.

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