https://www.faz.net/-hnr-7bzvq

Im Gespräch: Georg Ringsgwandl : Auch wilde Hunde trinken irgendwann Kamillentee

  • Aktualisiert am

In der Medizin hat das Streben nach Perfektion große Vorteile: Der Patient kann froh sein, wenn der Doktor kein Schlamper ist. Aber in der Musik tötet Perfektion in der Regel die Atmosphäre - ähnlich wie im Liebesleben, wo die reine, klinische Schönheit nichts besonders Anziehendes hat, zumindest nicht für mich. Ich bin auch sicher, dass sich die beste Erotik nicht bei den Schiffers und Klums dieser Welt abspielt. Stattdessen registriere ich eine enorm vitale Sinnlichkeit im verschlampten Bereich: Wenn zum Beispiel im Supermarkt eine verschwitzte, leicht angejahrte Jugoslawin im billigen, verschmierten Schurz das Regal einräumt, kann das eine umwerfende animalische Qualität haben.

Man hat Sie „Bayerns besten Barden“ genannt, „Valentin des Rock'n'Roll“, „Alpen-Dylan“ und „Punk-Qualtinger“. Wie würden Sie sich selbst bezeichnen?

Ich sehe mich einfach als Autor. Komponist klingt so hochtrabend - als wäre da ein neuer Beethoven am Werk. Sagen wir so: Ich bin ein Musiker, der ein paar ordentliche Songs geschrieben hat. Manchmal gelingt mir sogar ein halbwegs anschaubares Theaterstück. Und ich kann durchaus einen Saal einen Abend lang bei Laune halten. Mir selbst reicht es nicht, wenn jemand auf der Bühne zwei Stunden lang nur seine Gitarre bearbeitet und ins Mikrofon schreit - da denke ich: „Warum plärrst du so? Ist dir jemand auf den Zeh gestiegen?“ Ich finde, man sollte seinem Publikum mehr bieten. Mein Ideal ist das klassische Music-Hall-Entertainment: eine Synthese von Musik, Text und szenischen Elementen. Mit Maffays Stimmgewalt oder Grönemeyers Ernsthaftigkeit kann ich nicht konkurrieren, aber dank meiner schlaksigen Physiognomie und meines angeborenen Bewegungs-Fehlverhaltens bin ich zumindest in der Lage, eine gewisse choreographische Nische zu besetzen.

Was ist Ihnen am wichtigsten? Das Schreiben? Das Auftreten? Die Musik? Die verrückten Geschichten zwischen den Liedern?

Die Conférencen waren mir wurscht, die habe ich jeden Abend improvisiert. Aber an der Musik haben wir immer sehr lange gearbeitet. Ich war beeinflusst von der schwarzen Musik aus Amerika, von Rock’n’Roll, Soul und Funk, und hatte stets bestimmte Vorstellungen vom Klang, vom Groove, vom Arrangement. Inzwischen weiß ich endlich, wie sich diese Ideen umsetzen lassen. Der Spagat zwischen Bühne und Schreibtisch fällt mir allerdings nicht leicht: Auftritte sind ja exhibitionistische Veranstaltungen, bei denen man ganz aus sich herausgehen muss, während man beim Schreiben völlig uneitel und introvertiert als Beobachter funktionieren soll. Ich bin aber froh, dass ich nicht nur reproduzieren darf. Wenn Kollegen damit angeben, dass sie ihr Programm fünfhundert Mal gespielt haben, denke ich: „Gratuliere, du Brunnen-Esel! Fünfhundert Mal im Kreis gelaufen!“ Für viele Künstler werden die Auftritte zu einer Sucht - sie können ohne Applaus gar nicht mehr leben. Gegen diese Form von Verblödung hilft die einsame, strenge Tätigkeit des Schreibens.

Wie hat sich das Business in den vergangenen Jahrzehnten verändert?

Das handwerkliche Niveau ist heute viel höher als früher, denn inzwischen gibt es eine junge Generation hervorragend ausgebildeter Musiker. Nehmen Sie zum Beispiel meine neue Band: Diese Burschen sind nicht nur technisch sensationell, sie musizieren auch wunderbar miteinander - und sie haben noch dazu keinerlei Alkohol- oder Drogenprobleme! Die Erwartung an Professionalität ist auch gestiegen: Die schrägen, dilettantischen Vorstellungen, die wir Ende der Achtziger abgeliefert haben, würde heute kein Schwein mehr tolerieren. Wegen des starken Konkurrenzdrucks ist das Geschäft wesentlich härter geworden. Gerade in der freien Szene geht es für viele ums nackte Überleben - da herrscht ein wüstes Hauen und Stechen. Über den moralischen Zustand der Showbranche sollte man sich keine Illusionen machen.

Weitere Themen

Topmeldungen

Bisher wurden in Deutschland vor allem Ältere geimpft.

Corona-Schutzmaßnahmen : Alt gegen Jung in der Pandemie

Der Staat schützt derzeit vor allem die Senioren. Das empfinden manche Jüngere als ungerecht. Zerbricht an Corona der Generationenvertrag?
Präsident Biden spricht am Freitag mit einem Texaner beim Besuch einer Tafel in Houston.

Texas in Not : Biden als Tröster der Nation

Texas ringt mit den Folgen eines heftigen Wintereinbruchs. Bei seinem Besuch spielt Amerikas Präsident seine große Stärke aus. Die positiven Bilder kommen für Joe Biden zur rechten Zeit.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.