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Im Gespräch: Georg Ringsgwandl : Auch wilde Hunde trinken irgendwann Kamillentee

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Stimmt. Einmal hat er mich sogar richtig beschämt: 1989, als ich ihm stolz das schöne große Haus in Garmisch-Partenkirchen zeigte, das ich mir von meinem üppigen Oberarztsalär geleistet hatte. Ich dachte, er würde mich dafür loben, dass ich meiner Familie so etwas bieten konnte, doch stattdessen fauchte er: „Ich verstehe gar nicht, was ihr immer habt mit eurem Geld!“ Für ihn zählte nur, ob jemand Charakter hatte und ob man sich auf ihn verlassen konnte. Geld und Ruhm hatten für ihn keinerlei Bedeutung, Protzerei war ihm zuwider. Und ich erkannte in jenem Moment, dass sich die Maßstäbe in eine ganz falsche Richtung verschoben hatten.

Immerhin haben Sie vier Jahre später Ihre sichere Oberarztstelle gegen das ungewisse Leben eines Künstlers eingetauscht. Wieso eigentlich?

Jahrelang hatte ich die Musik als Zweitjob neben meiner Kardiologentätigkeit betrieben. Aber irgendwann ließ sich das nicht mehr machen - ich musste mich zwischen den beiden Berufen entscheiden, um überhaupt noch Zeit für die Familie zu haben. Ich war sehr gerne Arzt, doch meine sichere Stelle war mir zu riskant: Sie barg das Risiko, dass viele schöne Dinge, die ich mit meiner Begabung machen konnte, mir auf alle Zeiten verwehrt bleiben würden. Als Arzt kannst du vielleicht noch Golf spielen und einen albernen Kochkurs bei einem Fernsehkoch machen - aber das war’s dann. Diese Perspektive fand ich beängstigend. Eigentlich pervers: Ich hatte drei kleine Töchter und Hunderttausende Mark Schulden wegen des Hauses. Doch ich war so arrogant zu glauben, mein Talent würde ausreichen, um unsere Mägen zu füllen.

Wie hat Ihr Vater reagiert?

Erstaunlich gelassen. Er meinte: „Du wirst schon wissen, was gut für dich ist.“ Er war selbst ein verdammt guter Maler, hatte aber nie die Möglichkeit gehabt, seine künstlerische Seite auszuleben. Vielleicht hat er es geschätzt, dass ich den Mut hatte, meinen Weg abseits einer bürgerlich-behäbigen Laufbahn zu suchen. Nur mit dem grellen Kasperltheater, das ich anfangs auf der Bühne veranstaltet habe, konnte er nichts anfangen. Als meine Mutter ganz stolz auf dem Sofa saß, weil ein Auftritt von mir im Fernsehen lief, hat mein Vater bloß geschimpft: „So ein Trottel! So ein Krampf!“ Und dann hat er zur Bergsteigersendung umgeschaltet.

Sind Ihnen Ihre schrillen Kostümierungen von damals heute peinlich?

Nein. Anfang der achtziger Jahre war die Kleinkunstszene erstarrt in neorustikaler, linksalternativer Biederkeit - dem musste ich einfach etwas entgegensetzen. Peinlich wäre es, wenn ich heute immer noch so auftreten und diese Masche zu Tode reiten würde. Peinlich ist ein Punkrocker, der sich damit brüstet, dass seine Gitarre noch genauso verstimmt ist wie vor vierzig Jahren. Man sollte jedem eine persönliche Entwicklung zugestehen: Auch der wildeste Hund trinkt irgendwann Kamillentee. Stillstand und Selbstgefälligkeit sind die schlimmsten Feinde des Künstlers. Wenn du anfängst zu glauben, du wärst bedeutend und hättest einen Platz im Pantheon verdient, dann marschiert der Schwachsinn schon zur Tür herein: Dann solltest du schleunigst prüfen, ob du nicht bloß noch abgetakelten Schrott produzierst.

Sie sagten einmal, als Arzt seien Sie geradezu nervtötend pedantisch gewesen. Ist Ihnen dieses Streben nach Perfektion als Musiker fremd?

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