https://www.faz.net/-hnr-7kewv

Fragen an zwei Generationen : Man hielt mich für dumm, weil ich so viel träumte

  • -Aktualisiert am

Rosa von Praunheim und Johanna Quester, seine neunjährige Enkelin Bild: Jens Gyarmaty, Jan Roeder

Von Doktorspielen und der Sehnsucht nach einem eigenen Modeladen: Rosa von Praunheim und Johanna Quester im Gespräch.

          Was haben Sie gesehen, wenn Sie als Kind aus dem Fenster geschaut haben?

          Rosa von Praunheim: Ich bin erst in Lettland und dann in der DDR, in einer Siedlung am südlichen Stadtrand Berlins aufgewachsen. Wir wohnten in einer jüdisch enteigneten Villa, die von Kommunisten verwaltet wurde. Ich sah einen Garten, in dem wir Gemüse anbauten, Zwerghühner und eine Ziege hielten. Das war direkt nach dem Krieg, und die Ziegenmilch hat mich groß und stark werden lassen. Trotz der Notzeiten war es für mich ein Paradies.

          Was siehst du, wenn du aus deinem Fenster schaust?

          Johanna Quester: Wir wohnen ganz oben auf einem Berg und ich sehe den Wald, einen Bach, einen See und das ganze Dorf. Am schönsten sind die Sonnenuntergänge. Letztens gab es einen, der war oben rosa, darunter orange und gelb und ganz unten lila. Das war so schön!

          Wo war als Kind Ihr Lieblingsplatz?

          Rosa von Praunheim: In diesem Garten, wo ich mit Freunden eine Höhle baute und wir „Doktorspiele“ spielte. Als wir aufflogen, hinterließ das bei mir großes Schamgefühl.

          Begann mit vierzehn Jahren, avantgardistische Zeitschriften zu lesen: Rosa von Praunheim

          Wo ist dein Lieblingsplatz?

          Johanna Quester: Auf meinem Sessel in meinem Zimmer, der ist uralt und ganz abgenutzt, aber ich liebe ihn. Da sitze ich mit einem Buch und meiner Katze „Rosalie“ auf dem Schoß. Mein kleiner Bruder Joel, 3, hüpft gerne auf dem Sessel rum, weil er Federn hat wie ein Trampolin.

          Was haben Sie als Kind am liebsten gemacht?

          Rosa von Praunheim: Geträumt. Man hielt mich für dumm, weil ich so viel träumte. Ich war von Erwachsenen umgeben: Meiner Urgroßmutter, vier Großeltern, zwei Tanten, meinen Eltern. Es war eine liebevolle Atmosphäre. Ich schnitt rosa Schweinchen aus Papier mit meiner jungen Tante Lieselotte, spielte Schach mit meinem Opa und erfand Geschichten mit Freunden.

          Was machst du am liebsten?

          Johanna Quester: Zeichnen und nähen. Ich entwerfe gerne Mode, zeichne Figuren und Klamotten, und nähe Puppenkleider für meine Puppe „Gitti“. Das Nähen beruhigt mich, ich liebe den Takt der Nähmschine.

          Ihr großes Vorbild ist Karl Lagerfeld: Johanna Quester

          Was haben Sie sich als Kind am meisten gewünscht?

          Rosa von Praunheim: Ich war ein glückliches und behütetes Kind. Als ich zehn war, sind wir in den Westen geflohen. Meine Eltern nahmen mich mit nach Westberlin und sagten mir erst dort, dass wir nie mehr zurück können. Ich verlor meine Freunde und meine Heimat und wünschte meinen Eltern, dass sie sich eine neue Existenz aufbauen können.

          Was wünschst du dir am meisten?

          Johanna Quester: Einen Laden aufzumachen und Mode zu verkaufen. Ich hoffe, dass ich Abitur machen und in Berlin Mode studieren kann. Rosa kommt uns manchmal besuchen, dann trägt er aufwendige Kostüme, die finde ich witzig. Aber es ist auch ein bisschen peinlich, wenn wir durch die Stadt gehen und die Leute gucken.

          Worüber haben sie sich als Kind am meisten gefreut?

          Rosa von Praunheim: Eine Tante aus dem Westen hatte mir Geld geschenkt und davon kaufte ich meiner Mutter ein Geschirr-Set. Ihre Freude war für mich die größte Freude.

          Worüber freust du dich am meisten?

          Johanna Quester: Ich turne dreimal in der Woche Wettkampf- und Bodenturnen und freue mich, wenn ich die Übungen gut kann.

          Was hätten Sie als Kind gerne an Ihren Eltern geändert?

          Rosa von Praunheim: Meine Eltern waren fürsorglich, ich habe sie sehr geliebt. Sie hatten eine gute und lange Ehe. Als Teenager habe ich darunter gelitten, dass mein Vater zu viel trank, was meine Mutter unglücklich machte.

          Was würdest du gerne an deinen Eltern ändern?

          Johanna Quester: Dass sie nicht schimpfen, wenn ich Mist baue, und immer lieb sind und sich gut vertragen. Und ich wünschte, sie hätten mehr Geld, um mir Sachen zu kaufen und ein größeres Haus mit Balkon und einem großen Zimmer für mich. Meins platzt bald, weil es voller Krimskrams ist.

          Weitere Themen

          Russischer Ort streitet über Stalin-Statue Video-Seite öffnen

          Aufstellen oder nicht? : Russischer Ort streitet über Stalin-Statue

          Seitdem in der russischen Ortschaft Kusa eine alte Stalin-Statue in einem Teich entdeckt wurde, spaltet sie das Städtchen. Soll sie am alten Ort wieder aufgestellt werden, wie das der kommunistische Aktivist Stanislaw Stafejew fordert? Oder sollte sie lieber ins Museum?

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.