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Ein Gespräch mit Eva Illouz : Ist Sadomasochismus die Lösung?

  • Aktualisiert am

Auf der Suche nach Biotopen des Gefühls: die israelische Soziologin Eva Illouz Bild: Gyarmaty, Jens

Ist Leidenschaft nur noch als Dominanz und Unterwerfung denkbar? Die israelische Soziologin Eva Illouz hat in der Trilogie „Fifty Shades of Grey“ ein Muster für die moderne Paarbeziehung entdeckt.

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          In Ihrem neuen Buch beschäftigen Sie sich mit der Trilogie „Fifty Shades of Grey“ von E.L. James, die vergangenes Jahr erschien und sich weltweit siebzig Millionen Mal verkauft hat. Im Mittelpunkt steht die SM-Beziehung einer jungen Studentin zu einem erfolgreichen Geschäftsmann, es kommt viel Sex vor, die Käuferschaft war vor allem weiblich und im mittleren Alter, weshalb die englische Presse salopp den Begriff „Mommy Porn“ dafür erfand. Zunächst einmal: Haben Sie die drei Bände mit Vergnügen gelesen?

          Eva Illouz: Nein. Absolut nicht. Ich würde sagen, der erste Band war definitiv erfreulicher als die folgenden zwei, bei denen mir die Lektüre fast Schmerzen bereitete. Aber als Soziologin achte ich nicht in erster Linie darauf, ob mir die Lektüre des Materials Vergnügen macht. Ich habe die drei Bücher gelesen, als sie bereits Bestseller waren. Ich wollte untersuchen, wie sich dieser immense Erfolg erklären lässt.

          Und?

          An den Sexszenen liegt es mit Sicherheit nicht. Sex ist heute überall ganz leicht konsumierbar. Im Internet, auch in der Literatur, wo es ein seit Jahrzehnten sehr etabliertes Genre von erotischen Romanen für Frauen gibt - mit den Sexszenen lässt sich der immense Erfolg von „Fifty Shades of Grey“ also nicht erklären. Ich würde sogar behaupten wollen, dass die Sexszenen an diesem Buch das am wenigsten innovative sind. In Wahrheit stellt der Sex nur die Verpackung dar, in der sich die Liebesgeschichte verbirgt. Es ist eine ganz klassische Liebesgeschichte, was den Erfolg vor allem bei einer weiblichen Leserschaft erklärt. Liebesromane sind heutzutage ein Genre für Frauen. Aber es hat darüber hinaus auch die Dimension eines Selbsthilfe-Buchs. Es funktioniert wie ein klassischer Ratgeber.

          Sie meinen, was den Umgang mit Sexspielzeug angeht?

          Da liefert es viele Informationen, ja. Als die Trilogie zum Bestseller geworden war, ließ sich in der Tat ein beträchtlicher Anstieg bei den Absätzen von Sexspielzeug beobachten. Und man lernt auch einiges über die sexuelle Praxis des Protagonisten, Christian Grey, also Sadomasochismus.

          Sie sind darüber hinaus zu dem Schluss gekommen, dass dieses Werk etwas Relevantes über den Zustand heutiger heterosexueller Beziehungen aussagt.

          Schauen Sie, die Grundannahme von Kultursoziologen ist, dass bei einem Werk, das derart populär wird, etwas Grundlegendes über die Gesellschaft mitschwingen muss. Und dann möchte man herausfinden, was das ist. Also habe ich es gelesen - und war vollkommen verblüfft, dass so viele Befunde, die ich in meinem letzten Buch „Warum Liebe weh tut“ beschrieben habe, nahezu eins zu eins darin auftauchen. Etwa die Asymmetrie zwischen Männern und Frauen: Er hat große sexuelle Erfahrung, sie ist Jungfrau. Ihm widerstrebt es, zumindest zu Beginn, eine Bindung einzugehen, sie denkt sofort an große Liebe und Heirat. Beide leiden sie unter Verletzungen ihres Selbstwertgefühls und suchen nach Anerkennung in einer Beziehung. Und nutzen die Beziehung als Möglichkeit, ihre Geschlechter-Identitäten zu verhandeln: Wo er sich nach Symbiose sehnt, wie es dem weiblichen Stereotyp entspricht, könnte man ihre Unabhängigkeit als typisch männlich bezeichnen. All die Probleme, wenn Sie so wollen, die ich in meinem Buch erörtert hatte, werden in dieser Geschichte ausagiert. Ich musste nicht einmal nach ihnen suchen, sie befinden sich direkt an der Oberfläche der Handlung.

          Und Sie kamen zu einer überraschenden Schlussfolgerung: SM-Sex beziehungsweise BDSM, wie es kurz für „Bondage & Discipline, Dominance & Submission, Sadism & Masochism“ heißt, wäre die Lösung für all die Probleme, die Beziehungen heute so oft misslingen lassen.

          Moment: symbolische Lösung!

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