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Im Gespräch: Steven Spielberg : „Ich weinte, als Lincoln zu sprechen begann“

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Walt Disney hatte den Traum, die großen Persönlichkeiten der amerikanischen Geschichte ins Leben zurückzurufen.

Und er hat das auch getan, in Disneyworld in Florida. Ich war bei der Eröffnung dabei, am allerersten Tag. Und ich weinte, als ich in der „Ehrenhalle der Präsidenten“ Lincoln zum ersten Mal sprechen hörte. Das war ein Tag der Katharsis in meinem Leben. Aus den Quellen wusste ich allerdings, dass Lincoln eine näselnde hohe Tenorstimme hatte. Die meisten Leute, die Lincoln trafen, erwarteten, sie würden eine tiefe Stentorstimme hören. Diesen Glauben hatte offenbar auch Disney noch, als er den Lincoln-Roboter mit einem Basso profondo ausstattete. Daniel Day-Lewis las in Irland Hunderte von Büchern und stieß ebenfalls auf das Faktum der ungewöhnlich hohen Stimme. Und als er die Stimme gefunden hatte, auf Tonband aufnahm und mir das Band schickte, da glaubte ich tatsächlich, Abraham Lincoln zu hören, der zu mir spricht. Aus einem kleinen japanischen Tonbandgerät.

Ihr Präsident hat auch Fähigkeiten der nonverbalen Überredung.

Man stelle sich das vor: Ein Präsident, der dir seine Hand auf die Schulter legt - und es bedeutet dir etwas. Die Szene im Telegraphenbüro, wenn er beiden Beamten die Hand auf die Schulter legt! Er will sie zu nichts überreden. Er erkennt ihre Hilfe an. Daniel Day-Lewis stattet den 16. Präsidenten mit so viel Aufmerksamkeit, so viel Mitgefühl aus: Dieses Talent für Empathie ist eine schauspielerische Leistung, die in kein Drehbuch geschrieben werden kann. Während der Präsident liebevoll mit seinem jüngeren Sohn Teddy umgeht, ist ihm die Gesellschaft seines älteren Sohnes Robert unbehaglich. Aber sein Unbehagen ist ein Gefühl der Wärme, nicht der Kälte. Und diese Verhältnisse sieht man eher, als dass sie zur Sprache gebracht würden. Man sieht die Kräfte, von denen die Beziehung zwischen Mary, einer willensstarken Frau, und Lincoln bestimmt wird. Sie steuerte den Ehrgeiz bei, der ihm fehlte: Mary war Lincolns Ehrgeiz.

Im Film nimmt Thaddeus Stevens, der Wortführer der radikalen Sklavenbefreier, das Original des Verfassungszusatzes mit nach Hause - als Geschenk für die schwarze Haushälterin, mit der er zusammenlebt.

Ihr Name war Lydia Smith. Es gab das Gerücht, das sie ein Liebespaar waren, und es war die Wahrheit. Wir waren begeistert, dass wir das einbauen konnten.

War die Freiheit, wie die Historikerin Kate Masur diese Szene deutet, ein Geschenk des weißen Mannes? Spielen Sie den Anteil der Schwarzen an ihrer Befreiung herunter?

Ein anderer Film könnte zeigen, welchen Einfluss die Schriften von Frederick Douglass auf Lincoln hatten - und seine Treffen mit diesem früheren Sklaven. Mein Film behandelt einen historischen Moment in einem exklusiv weißen Repräsentantenhaus, den letzten Monat vor einer der größten Entscheidungen, die dieses Land je getroffen hat. Wir gehen nicht in die Baumwollfelder, nicht in die Fabriken im Süden. Wir erleben die Sklaverei nicht, wir erleben den Bürgerkrieg nicht. Aber wir sehen Bilder, echte Bilder von Sklaven: die Glasplatten, die Lincolns kleinen Sohn faszinieren. Wir hören Geschichten über die Sklaverei.

Und genauso beschränkt war Lincolns Erfahrung der Sklaverei. Aus erster Hand wusste er nur, was er gesehen hatte, als er einmal ein Sklavenschiff auf dem Fluss sah. Trotzdem hasste er schon den bloßen Gedanken der Sklaverei, und wir vertrauen darauf, dass das Publikum die Sache so sieht wie Lincoln. Zwei Dinge müssen die Zuschauer wissen, wenn sie ins Kino kommen: dass Sklaverei böse ist und dass Hunderttausende von Amerikanern in diesem Bürgerkrieg gestorben sind. Dann werden sie einen Film über den Mann sehen wollen, der etwas gegen die Sklaverei getan hat.

Die Fragen stellte Patrick Bahners.

Zur Person

Steven Spielberg ist einer der erfolgreichsten Filmschaffenden aller Zeiten, dem das Kunststück gelungen ist, außer Massenerfolgen wie „Jäger des verlorenen Schatzes“ (1981) oder „Krieg der Welten“ (2005) auch von der Kritik geschätzte Werke zu historischen und politischen Stoffen zu inszenieren wie „Schindlers Liste“ (1993) oder „München“ (2005).

In der gegenwärtig von Quentin Tarantino mit „Django Unchained“ ausgelösten Debatte über die angemessene filmische Behandlung der Sklaverei in Amerika steht Spielbergs neuer Film „Lincoln“ für ein ästhetisch konservatives Kino, das den Präsidenten menschlich aufschlüsseln will, der, wie die Geschichtsbücher sagen, die Sklaven befreit hat.

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