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Im Gespräch: Steven Spielberg : „Ich weinte, als Lincoln zu sprechen begann“

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Was war an diesem Sujet des politischen Alltags eine besondere Herausforderung für den Filmemacher?

Die größte Herausforderung: Lincoln ist ein Berggipfel geworden, ein Denkmal in Washington, eine Münze in unserer Hosentasche. Ich musste versuchen, ihn von seinem Podest herunterzuholen und dem Publikum auf Augenhöhe gegenüberzustellen - obwohl er 1,93 Meter groß war. Die zweite Herausforderung: Vieles an diesem Film ist wie in einem Theaterstück. Tony Kushner arbeitet mit dem Vokabular des neunzehnten Jahrhunderts, ausdrucksstark, farbig und reich an Abstufungen. Können die Zuschauer ihre Ohren noch einmal für die Aufnahme dieser Sprache trainieren? Scheinbar wird es einfacher in Europa, wo der Film mit Untertiteln in die Kinos kommt. Aber die Untertitel können keine vollständige Übersetzung bieten, so schnell kann niemand lesen. Zuschauern, die nicht so gut Englisch können, rate ich, gar nicht auf die Untertitel zu achten, sondern auf die Gesichter. Was wollen sie uns sagen?

Das Mienenspiel von Lincolns Kabinettskollegen vermittelt bisweilen den Eindruck, dass seine Überredungskünste sich abgenutzt haben.

Er wurde von so vielen Leuten verachtet, auch von früheren Anhängern. Aber Lincoln war ein Genie, ein politisches Genie. Daher sammelte er seine Gegner um sich und gab ihnen wichtige Posten im Kabinett. Er wollte keine Jasager. Auch wenn er mit der Wahrheit der Opposition nicht übereinstimmte, wollte er die Wahrheit der Opposition hören. Und so tat er etwas sehr Schlaues: Er übertrug William Seward, der ihm die Präsidentschaftskandidatur streitig gemacht hatte, das Amt des Außenministers. Genauso hat es Barack Obama mit Hillary Clinton gemacht.

Weil auch er das Buch von Doris Kearns Goodwin gelesen hatte.

Das war eine Sensation! Wir waren mitten in der Arbeit am Drehbuch. Tony Kushner rief mich an und sagte: „Kannst du das glauben? Unser Präsident tut das, was der 16. Präsident getan hat!“

Der Film schildert Lincoln als versierten Geschichtenerzähler. Sehen Sie ihn sozusagen als Kollegen?

Ich bin nicht lustig wie Lincoln, ich habe keinen Sinn für Humor. Lincoln war ein großer Geschichtenerzähler. Wenn er bei der Pointe ankam und niemand lachte, dann lachte er eben selbst. Warum tat er es? Um sich zu entspannen. Um seine Kollegen gütig zu stimmen, bevor er die Tagesordnung eröffnete. Manchmal war es eine List. Manchmal politisches Theater. Und manchmal war es einfach er, so wie er war: volksnah, ein Mann vom Lande.

Haben Sie sich Freiheiten im Umgang mit den historischen Tatsachen herausgenommen?

Wir folgen den Tatsachen so genau wie irgend möglich. Aber es gibt viele Momente in unserer Geschichte, die nicht aufgezeichnet wurden. Es gab keine Technik dafür. Und die Leute konnten so schnell nicht mitschreiben, nicht einmal John Nicolay und John Hay, die Sekretäre, die 1890 ihre Biographie Lincolns veröffentlichten. So konnte Tony Kushner Gespräche erfinden, wie sie zwischen Ehemann und Ehefrau, Vater und Sohn, Präsident und Kabinett stattgefunden haben können.

Andererseits streben Sie nach einer Authentizität weit jenseits der Treue zum chronologischen Ablauf. Sie suchten etwa nach der Taschenuhr Lincolns. Warum waren Ihnen diese authentischen Requisiten so wichtig?

Als George Stephens den Film „Das Tagebuch der Anne Frank“ drehte, reiste er nach Amsterdam und nahm auf Tonband das Läuten der Kirchenglocken auf, die man in Annes Dachbodenversteck durch das Fenster hören kann. Im Film hören wir dieselben Glocken, die Anne während des Holocaust gehört hat. Das hat mich sehr beeindruckt, als ich davon erfuhr. So habe ich eine einfache Frage gestellt: Wo ist Lincolns Taschenuhr, von der er sich niemals trennte? Im Museum in Chicago. Wir erhielten eine Sondererlaubnis, die Uhr aufzuziehen. Sie war fünfzehn Jahre lang nicht aufgezogen worden. Wenn die Uhr tickt, sollten die Zuschauer wissen, dass sie dasselbe Geräusch hören, das Lincoln vor hundertfünfzig Jahren gehört hat.

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