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Im Gespräch: Regisseur Dror Moreh : Keine linken pazifistischen Spinner

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Wo ist der weise Mann, der für Israel denkt? Der Regisseur Dror Moreh weiß es nach seinem Film „Töte zuerst“ weniger denn je. Bild: Reuters

Seine aufsehenerregende Dokumentation „Töte zuerst“, in der sechs ehemalige israelische Geheimdienstchefs ihre Sicht auf den Nahostkonflikt preisgeben, ist für einen Oscar nominiert: Regisseur Drorh Moreh über verpasste Chancen und verlorene Hoffnungen.

          Sie haben einen spektakulären Film gedreht, der jetzt auch für einen Oscar nominiert ist: Erstmalig sprechen alle noch lebenden ehemaligen Chefs des israelischen Inlandsgeheimdienstes Shin Bet über ihre Arbeit. Wie kam es dazu?

          Es fing damit an, dass ich einen Film über Ariel Sharon gemacht habe, „Sharon“ (2008). Bei der Arbeit daran erzählte mir ein ehemaliger Mitarbeiter Sharons, dass ein Interview, das vier ehemalige Shin-Bet-Chefs 2003 einer israelischen Zeitung gaben, großen Einfluss auf Sharons Entscheidung hatte, Israelis aus Gaza abzuziehen. Als ich das hörte, dachte ich, wenn ein kleines Interview mit vier dieser Männer jemanden wie Sharon zum Umdenken bewegen konnte, müsste ich alle noch lebenden ehemaligen Geheimdienst-Chefs zusammenbringen und könnte noch mehr Menschen bewegen.

          Wie sind Sie vorgegangen?

          Ich habe zunächst einen von ihnen kontaktiert, Ami Ayalon, der damals dieses Interview initiiert hatte, und habe ihm erklärt, dass ich vorhabe, den israelisch-palästinensischen Konflikt aus Sicht des israelischen Geheimdienstes zu erzählen. Er hielt das für eine gute Idee, und dann habe ich mir ganz schnell von ihm die Nummern der fünf anderen geben lassen, bevor er es sich anders überlegen konnte. Es hat ein bisschen gedauert, aber irgendwann hatte ich sie alle überzeugt.

          Der Shin Bet wendet gelegentlich „moderaten physischen Druck“ an, um Leute zum Sprechen zu bringen - was war Ihre Taktik?

          Ich bin einfach zu ihnen gegangen und habe Fragen gestellt. Na gut, ich habe zum Beispiel die Interviews alle bei ihnen jeweils zuhause gemacht. Ich wollte, dass sie sich so wohl wie möglich mit der Gesprächssituation fühlen, um offen zu reden, aber ich hatte ein großes Team dabei, zwei Kameras, Ton. Undenkbar also, dass sie vergaßen, dass gerade ein Interview gefilmt wird.

          Sie reden in Morehs Film Klartext: die einstigen Chefs des israelischen Inlandsgeheimdienstes Avraham Shalom, Ami Ayalon, Jaakov Peri, Juval Diskin, Avi Dichter und Carmi Gillion (von links). Bilderstrecke

          Was Ihre Gesprächspartner sagen, ist extrem überraschend: Sechs israelische Geheimdienstchefs - wie man sich vorstellen kann, allesamt hart gesottene Typen, zu deren Tagesgeschäft die Ermordung israelischer Staatsfeinde gehörte - sind übereinstimmend der Meinung, die Besatzung der palästinensischen Gebiete sei unmoralisch. Sie sind für eine Zweistaatenlösung, sehen die Chancen darauf täglich schwinden und glauben, durch die Unfähigkeit der politischen Spitze steuere Israel auf eine Katastrophe zu. Hatten Sie das erwartet?

          Ich wusste schon vor den Dreharbeiten durch viele Gespräche, wo sie politisch standen, was sie dachten, insofern war ich nicht überrascht.

          Die Geheimdienstler sprechen sich auch dafür aus, dass Israel mit seinen Feinden redet, selbst mit den ärgsten wie dem Dschihad oder Ahmadineschad.

          Und da sie es sagen, hat es eine Bedeutung. Sie kommen aus der Praxis. Sie haben Gewalt angewendet, manchmal exzessiv, Tötungen angeordnet - und sie wissen, dass einen das bis zu einem gewissen Punkt weiterbringen kann. Grundsätzlich arbeiten solche Sicherheitsorganisationen - Armee, Shin Bet, Mossad - mit Gewalt. Das ist ihre Taktik. Und darum geht es in dem Film: um Taktik versus Strategie. Sie sind die Taktiker.

          Die Strategie müsste hingegen von der Regierung kommen.

          Exakt.

          Und alle sechs sagen, dass es der israelischen Regierung, im Grunde jeder mit Ausnahme derer Rabins, an Strategie fehlt.

          Komplett, ja. Vor allem heute, der heutigen Regierung fehlt jegliche Strategie. Was mich bei der Arbeit an diesem Film wirklich erschüttert hat, war zu erfahren, wie viele Chancen auf Frieden die Ministerpräsidenten, die Verteidigungsminister über die Jahre verpasst haben. Wie viele verpasste Gelegenheiten es gab. Auf beiden Seiten.

          Sie haben gesagt, zu Ihrem Film habe Sie „The Fog of War“ (2004) inspiriert, die Oscar-prämierte Dokumentation über den ehemaligen amerikanischen Verteidigungsminister Robert McNamara, im Grunde ein langes Interview. Warum haben Sie sich dafür entschieden, mit Leuten vom Geheimdienst zu sprechen und nicht mit Politikern?

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