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Im Gespräch: Joachim Sartorius : Weltgeschichte im Kleinen

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„Diese Insel ist ein Brennglas“ und Joachim Sartorius ist ein Zypern-Fan. Bild: Bothor

An den Rändern Europas spürt man die Härte Brüssels: Auf Zypern sind mittlerweile selbst die vernünftigen Leute enttäuscht von der Europäischen Union.

          6 Min.

          Herr Sartorius, warum lieben Sie Zypern so sehr?

          Ich habe lange am östlichen Mittelmeer, in Tunis, Alexandria, Istanbul gelebt. Zypern liegt im östlichsten Zipfel dieses Meeres. Die Insel ist ein Brennglas, auch ein Spielball, weist die unterschiedlichsten Einflüsse von sehr vielen Besatzern auf. Zum einen geht es mir um diese kulturellen Sedimente, zum anderen schlicht um das Licht, die Vegetation, die Inselbewohner und ihre Lebensweise.

          Für die Arbeit an Ihrem Buch sind Sie vergangenen Sommer nach langer Zeit wieder nach Zypern gefahren. Gab es da schon Anzeichen, wie drastisch sich die wirtschaftliche Situation entwickeln würde?

          Als ich da war, kochte es gerade in Griechenland enorm hoch, es gab gewalttätige Demonstrationen. Die EU wurde des Verrats an Griechenland bezichtigt. Wie eng das zyprische Bankenwesen mit dem griechischen verknüpft ist, weiß man ja. Das Vorgefühl, dass die Krise auch Zypern erreichen wird, war daher stark.

          Wie hat sich Zypern verändert im Vergleich zu den achtziger Jahren, als Sie als Gesandter dort gelebt haben?

          Es sind rasante Veränderungen. In den achtziger Jahren war Zypern ein noch von Agrarwirtschaft bestimmtes Land. Der Massentourismus hatte zwar begonnen, aber die Insel war weiterhin ein bisschen verschlafen. Man muss im Auge behalten, dass für die Griechen-Zyprer die Teilung der Insel nach der türkischen Invasion ein enormes Trauma war. Sie haben versucht, diese traumatischen Erfahrungen zu überwinden, ja vergessen zu machen, indem sie ihren Teil der Insel bienenfleißig und tüchtig zu einer Drehscheibe im Dienstleistungsgewerbe, vor allem im Tourismus und im Bankgewerbe ausgebaut haben.

          Die bienenfleißigen und tüchtigen Zyprer - das passt ja so gar nicht zu den Klischees mediterranen Laissez-faires.

          Bis vor vier, fünf Jahren gab es keine Universitäten auf Zypern. Die jungen Zyprer studierten im Ausland, in Athen, in London oder in Amerika. Die meisten von ihnen kamen mit einer phantastischen akademischen Ausbildung zurück. Ich erlebe die Griechen-Zyprer als außerordentlich gewiefte, kluge, intelligente, polyglotte Leute. Viele sind in der Wirtschaft tätig. Der Bildungsgrad ist hoch.

          Also ist Zypern jetzt ein fortschrittliches Bildungsland, gar nichts mehr von der verschlafenen bäuerlichen Romantik, die sie in ihrem Buch schildern?

          In meinem Buch gibt es so etwas wie eine Neuabmischung von zwei Zeiten, der bäuerlichen, archaischen, inzwischen verschwunden Zeit, und jener neuen, stark auf Modernisierung und Gewinnsucht ausgerichtetenen Zeit. In diesem Zusammenhang: Die Aufnahme Zyperns in die Europäische Union 2004 war eine Zäsur. Sie war, bis zu einem gewissen Grad, auch die Heilung des Traumas der Teilung.

          Wie groß sind denn die Unterschiede zwischen dem Norden und dem Süden, was den Fortschritt anbelangt?

          Der türkische Teil ist etwas langsamer, etwas osmanischer, gemütlicher. Aber auch dort gibt es jetzt riesige Gewerbegebiete, wo vorher gar nichts war. Ich habe mir wirklich die Augen gerieben. Die größte Veränderung aber ist, dass die Grenze zwischen beiden Teilen wieder durchlässig ist und man frei umherfahren kann. Davon hat auch die türkische Seite profitiert. Damals in den achtziger Jahren war ich mit meinem Diplomatenpass einer der ganz wenigen, die hin- und herreisen konnten. Die Grenze war hermetischer als die deutsch-deutsche Grenze.

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