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Im Gespräch: Jérôme Ferrari : Eine Bar auf Korsika ist ideal für den Roman

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Philosophischer Literat: Jérôme Ferrari Bild: RitA Scaglia / Picturetank / Age

Jüngst hat Jérôme Ferrari den prestigeträchtigen Prix Goncourt gewonnen. Er ist ein Grenzgänger, der Philosophie lehrt, aber Literatur schreibt. Ein Gespräch über Korsika, französischen Postkolonialismus und philosophische Literatur.

          In Ihrem jüngsten Roman „Predigt auf den Untergang Roms“ setzen Sie den Gedanken des Philosophen Leibniz von der besten aller möglichen Welten ausgerechnet in einer korsischen Dorfkneipe literarisch um. Wie kommt man auf die Idee, eine Bar zum Zentrum eines Romans zu machen?

          Ferrari: Darauf gibt es zwei Antworten. Die literarische ist, dass der Roman die Welt zum Thema hat. Eine Bar erschien mir dafür ein angemessener Ort zu sein, zumal in Korsika. Denn dort begegnen sich Leute, die von überall kommen und sich anderswo vielleicht nicht getroffen hätten. In einem Dorf ist die Bar der zentrale Ort, die Kreuzung, über die alle gehen. Die eher triviale Antwort auf Ihre Frage ist, dass ich einfach gern in Bars bin. Und weil ich viele Jahre auf Korsika gelebt habe, kenne ich die Bars dort sehr gut.

          Gleich drei Ihrer bislang fünf Romane, die Sie im Verlag Actes Sud veröffentlicht haben, spielen in einer Bar...

          ...So habe ich immer einen guten Grund, in eine Bar zu gehen. Für einen Roman zu recherchieren, wenn das kein hehrer Anspruch ist?

          Die korsische Bar als Daseinsmetapher: Straßenszene in Sartène

          Im Roman hängen Ihre beiden Helden Matthieu und Libéro ihr Philosophiestudium in Paris an den Nagel, um Kneipenwirte auf Korsika zu werden. Für die jungen Männer wird die Insel zur Verheißung des bedeutungsvollen Fremden. Was bedeutet Korsika für Sie?

          Korsika ist zunächst einmal der Ort, den ich am besten kenne. Ich habe mehr als die Hälfte meines Lebens auf der Insel verbracht. Ich habe ja auch in Paris Philosophie studiert und bin dann gleich im Anschluss nach Korsika gezogen und habe dort fünfzehn Jahre gelebt. Die wichtigsten Stationen meines Lebens haben sich auf der Insel zugetragen. Und was mich bis heute an Korsika fasziniert, ist die eigentümliche Mischung aus archaischer und touristischer Welt. Aus der Kollision dieser so verschiedenen Sphären lassen sich unheimlich viele Geschichten destillieren. Das ist literarisch hochinteressant, aber nicht gerade angenehm, um dort zu leben. Im Gegenteil: Das Leben auf Korsika kann hart sein. Vor allem, weil das Jahr in zwei Hälften fällt. Zu drei Vierteln des Jahres ist die Insel eine wüste Einöde, karg und langweilig. Im Sommer hingegen, wenn die Touristen einfallen, bricht der absolute Wahnsinn aus.

          Wenn man Ihr Werk betrachtet und auch Ihr Leben, dann fällt auf, dass es Sie immer wieder an die Peripherie zieht. Von der Hauptstadt auf die Insel, von dort nach Algerien. Heute leben Sie als Philosophielehrer in Abu Dhabi. Dabei könnten Sie als Goncourt-Preisträger in Paris Hof halten.

          Eigentlich war ich immer an der Peripherie. Ich bin ja nicht in Paris groß geworden, sondern in Vitry-sur-Seine, das ist ein klassischer Arbeitervorort. In unserer Gegend gab es zwar keinen sozialen Wohnungsbau, mein Vater war Informatiker bei Air France, meine Mutter Lehrerin, aber es war klar, dass wir uns nie eine Wohnung in Paris würden leisten können. Dort war ich nur während des Studiums. Danach bin ich für immer weg. In Paris wollte ich tatsächlich nie leben.

          Wie viel von dem, was ein Romancier verarbeitet, muss er aus eigener Anschauung kennen?

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