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Im Gespräch: Andrzej Stasiuk : Willst du frei sein, musst du einen Verrat begehen

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Wer viel liest, spiegelt sich in mehreren Leben: der polnische Romancier Andrzej Stasiuk Bild: Anna Weise

Seine Literatur erzeuge den Eindruck einer permanenten Wanderung, sagt der polnische Schriftsteller Andrzej Stasiuk. Ein Gespräch über Reisen, Sterblichkeit und gute Prosa.

          6 Min.

          Man sagt, wer viel reist, der lebt mehrere Leben. Dasselbe sagt man über die, die viel lesen. Ein Schriftsteller, der viel reist und viel liest, muss also das Gefühl haben, ein ungemein reiches, intensives Leben zu führen.

          Ich habe vor allem das Gefühl, das Leben zu führen, das ich führen will. Aber ich weiß, was Sie meinen, und da ist was dran. Hans Christian Andersen hat einmal gesagt: „Reisen ist Leben, dann wird das Leben reich und lebendig“, und er hat natürlich recht. Nur darf man auch nicht vergessen, dass diese Potenzierung des Lebens durch Reisen am schönsten eben in der Literatur aussieht. Wenn man zum Beispiel meine Bücher liest, hat man den Eindruck einer permanenten Reise, einer ständigen Wanderung. Dabei ist es nur ein literarisches Stilmittel, denn auch bei mir nehmen die Reisen viel weniger Zeit in Anspruch als das normale Alltagsleben, wie bei den meisten Menschen. Das sieht nur in meinen Büchern so aus, als wäre ich ununterbrochen in Bewegung. Aber das ist wiederum der Vorteil der Literatur: Sie potenziert das Reisen.

          Wieso reisen Sie eigentlich immer in eine Richtung? Warum ständig in den Osten?

          Ich fahre dahin, weil der Kommunismus mich immer noch interessiert. Ich will die Überreste dessen sehen, was mit einem Großteil unseres Kontinents damals passiert ist. Mich interessiert der Mensch als heroisches Wesen, als jemand, der entweder zum Heldentum oder zur Selbstvernichtung neigt. Ich frage mich, was der Mensch imstande ist zu vollbringen - im Namen einer Idee oder einer Einbildung. Und die Antwort darauf finde ich eben im Osten. Der Westen langweilt mich einfach, was nicht abwertend gemeint ist. Ich finde es nur spannender, an die russisch-chinesische Grenze zu fahren und auf der einen Seite zu sehen, wie die Welt einmal gewesen ist, wie der Kommunismus unsere wunderbare Erde verwüstet hat, und gleichzeitig auf die andere Seite, nach China, zu blicken und zu beobachten, wie die Welt in Zukunft aussehen wird. Es ist faszinierend und zugleich erschreckend, die Wüste Gobi vor Augen zu haben und gleich daneben diesen chinesischen Drachen, der seine ganze Kraft sammelt, um uns zu schlucken. Dort passieren wirklich große, epische Dinge, all das, wovon gute Prosa lebt. Deswegen zieht es mich immer wieder hin.

          Apropos „Es zieht mich hin“: Sie sind in Warschau aufgewachsen, leben aber seit Jahren in einem Dorf in den Beskiden. Leiden Sie nicht manchmal an einer Zerrissenheit?

          Eigentlich nicht. Erstens, ich bin ein Bauer, in dem Sinne, dass Polen grundsätzlich eine bäuerliche Zivilisation hat. Selbst die frühere Oberschicht führte am liebsten ein Landleben, der Adel auf seinen Gutshöfen und die Magnaten in ihren Ländereien. Das Bürgertum war eine fremde Erfindung, etwas, das aus Deutschland importiert wurde. Und zweitens, meine Eltern kamen aus einem Dorf. Sie waren Produkte der großen kommunistischen Migration, der Zwangsumwandlung der menschlichen Gattung, die aus Bauern Arbeiter machte und sie in den Städten ansiedelte. Deswegen lebten sie in Warschau. Doch ursprünglich kamen sie aus einem Dorf, das so war wie alle polnischen Dörfer damals - schön, malerisch, rückständig und etwas unheimlich.

          Das ganze Grochów, dieser Stadtteil von Warschau, in dem Sie aufgewachsen sind und der dem Original Ihres neuen Buches den Titel gibt, bestand aus solchen Menschen wie Ihre Eltern und hatte diesen städtisch-dörflichen Charakter.

          Ja, weil das die Peripherie von War-schau war, ein Teil von Praga, dem Viertel, das rechts der Weichsel liegt. Da kamen aus Ostpolen diese kommunistischen Immigranten der fünfziger und sechziger Jahre hin. Sie installierten sich dort zusammen mit ihren alten Lebensmustern, was Grochów eben einen dörflichen Charakter gab. Ich kann mich zum Beispiel an Pferdewagen erinnern, die Kohlen und Kartoffeln ausfuhren. Oder an Straßen, die so hießen wie die Dörfer, aus denen diese Menschen kamen. Ihre dörfliche Realität dauerte in all dem fort, und daraus ergab sich etwas sehr Spannendes, so eine Art Halb-Europa, Beinahe-Zivilisation, Fast-Stadt. Denn die eigentliche Stadt, das echte Warschau, lag ja auf dem linken Weichselufer.

          Sie wechselten aber nicht auf das linke Weichselufer, und Sie blieben auch nicht in Grochów, sondern zogen ganz weit weg. Haben Sie manchmal das Gefühl, diesen Ort verraten zu haben?

          Irgendwie schon. Ich habe ja damit auch die Welt meiner Eltern verlassen und lebe seitdem in einer völlig anderen Wirklichkeit. Aber so ist es immer, wenn man ein eigenes Leben beginnt und seine angeborene gesellschaftliche Identität ablegen will. Darauf basiert ja die Freiheit: Wenn du frei sein willst, musst du einen Verrat begehen, musst du dich davon befreien, was deine Kindheit, dein Elternhaus ausmachte. Inzwischen hat sich das stark verändert, den Krieg der Generationen gibt es so gut wie nicht mehr, aber früher ging es oft nicht anders: Man musste die Welt der Eltern verraten, um das tun zu können, was man wollte. Das Einzige, was sich meine Eltern für mich vorstellen konnten und auch wünschten, war die Karriere eines Arbeiters, weil das der Gipfel dessen war, was mein Vater erreichen konnte. Dank schwerer Arbeit und Sparsamkeit konnte er in dieser neuen städtischen Realität Wurzeln schlagen, ein Haus bauen, eine Familie gründen. Für ihn war es ein sozialer Aufstieg, doch seine Werte waren trotzdem nicht meine. Also musste ich mit dieser Welt gnadenlos brechen, sie ablehnen, zertrampeln, um mich da nicht hineinziehen zu lassen. Einige meiner Kumpels haben tatsächlich das Leben ihrer Väter kopiert, sind Arbeiter, bestenfalls Ingenieure geworden. Ich wollte aber ganz woandershin, um jeden Preis jemand anderer sein.

          Hatte Ihr Vater noch die Möglichkeit zu sehen, was Sie aus Ihrem Leben gemacht haben?

          Aber ja! Und meine Mutter auch. Beide Eltern leben noch, verfolgen meine Karriere, sehen mich im Fernsehen und sind heute stolz auf mich. Doch ich glaube nicht, dass sie diesen ganzen Mechanismus richtig verstanden haben, dass ihnen klar ist, dass ich das alles um den Preis des Verrats erreicht habe. Dass ich mich von ihrer Welt total abwenden, aus ihr flüchten musste, um dahin zu kommen, wo ich jetzt bin. Es freut mich natürlich, dass sie stolz sind. Ich war ja ein entsetzlicher Halunke und tat wirklich alles, den Gang ins Gefängnis eingeschlossen, um dieser Welt nicht anzugehören. Ich hoffe, dass ich etwas davon wieder gutgemacht habe. Jetzt sind sie stolz und zufrieden, wobei auch das seine Grenzen hat. Mein Vater hat nie Bücher gelesen, und meine liest er auch nicht, und für meine Mutter, die es versucht, sind sie nicht das Richtige. Dafür will sie, wenn ich sie besuche, wieder ganz die Mutter sein und auch an meinem jetzigen Leben vieles ändern und verbessern (lacht). Ein totaler Bruch mit Grochów war es übrigens auch damals nicht - ich ging später wieder dahin, weil ich eine phantastische Freundin hatte, die dort wohnte. Und heute leben dort meine Kinder, was allerdings mehr oder weniger ein Zufall ist.

          Dass Grochów für Sie wichtig ist, merkt man Ihrem Buch stark an, das ja im Original auch so heißt. Dennoch hat der Ort darin eine bestimmte Funktion, er ist viel mehr als die Kulisse einer sentimentalen Reise in die Vergangenheit.

          Nein, das ist keine sentimentale Reise. In der Prosa braucht man eine Materie, einen konkreten Raum, eine erkennbare Geographie, sie lebt ja von Einzelheiten, von Details. In diesem Buch erzähle ich vom Tod meines besten Freundes. Es war ein langes Sterben, und das Einzige, was ich - als Schriftsteller - für ihn tun konnte, war, dieses Sterben zu beschreiben. Und da wir unsere Kindheit zusammen in Grochów verbracht haben, musste auch der Ort in dem Buch auftauchen. Ich brauchte ihn, um die damalige Realität wiederzubeleben, um ihr den Schein einer Existenz zu geben.

          Der deutsche Titel, „Kurzes Buch über das Sterben“, bezieht sich nicht nur auf Ihren Freund. Sie erzählen darin auch vom Tod zweier weiterer Menschen und eines Hundes. Aber nur im letzteren Fall liefern sie eine direkte, naturalistische Beschreibung des Sterbens...

          ...weil ich nur dieses eine Sterben unmittelbar erlebt habe. Und ich bin mir auch nicht sicher, ob ich das Sterben eines Menschen genauso naturalistisch beschreiben könnte. Ob ich den Mut dazu hätte und ob mir das wirklich gelänge. Außerdem ging es mir bei den Menschen, vom allem bei meinem Freund, darum, von dem Gefühl der Leere zu erzählen, das ein Tod hinterlässt. Und auch von der Ratlosigkeit angesichts des Sterbens, davon, dass man dafür keine gemeinsame Sprache findet, dass der Dialog mit einem Sterbenden irgendwann abbricht. Beide Seiten sagen dasselbe, er meint aber mit jedem Wort nur das eine: „Ich sterbe.“ Es entsteht eine unüberwindbare Barriere, aber keine der Seiten hat den Mut, diesen Zustand beim Namen zu nennen.

          Was meinen Sie, wann wird dem Menschen eigentlich seine Sterblichkeit wirklich bewusst?

          Wenn er zum ersten Mal den Tod von jemandem erlebt, der ihm wirklich nahestand. Nicht irgendein Mensch, von dessen Existenz er zwar wusste, den er aber nicht wirklich kannte, sondern jemand aus seiner eigenen Welt. Jemand, mit dem er das Leben geteilt hat. Das Leben, die Zeit, die Ereignisse, die Empfindungen. Denn damit beginnt seine Welt langsam zu schrumpfen. Und das ist der Moment, in dem er merkt: Aha, nun ist der Tod also da. Er ist in dein Haus, in dein Leben gekommen, und zwar nicht mehr als die weiße, knochige Gestalt aus den Märchen, sondern ganz real.

          Eine der vier Geschichten handelt vom Tod Ihrer Großmutter, die an Geister glaubte und sehr schön erzählen konnte. War sie für Sie als Kind die wichtigste Bezugsperson?

          Nicht nur sie. Überhaupt, wenn ich an meine Kindheit zurückdenke, wird mir klar, dass mich nicht so sehr das Leben in der Stadt prägte, sondern die Zeit, die ich bei den Großeltern auf dem Lande verbrachte. Das war meine stärkste, intensivste Kindheitserfahrung. Aber es stimmt, die Großmutter war am wichtigsten. Sie konnte wirklich fabelhaft erzählen. In dem Dorf, in dem sie lebte, gab es in den sechziger Jahren noch keinen Strom, wenn die Nachbarn also zusammenkamen, wurde viel erzählt. Und in den Geschichten meiner Oma vermischte sich die Welt der Menschen mit dem Reich der Geister. Dass zum Beispiel der Geist ihres Vaters sich kurz in ihrer Küche zu schaffen machte und dann wieder verschwand, war für sie das Natürlichste in der Welt. Trotz ihrer Religiosität hatte sie damit nicht das geringste Problem. Ich begann selbst auch, an die Geister zu glauben. Als sie starb, war es nicht ihr Tod, der mich erschreckte, sondern die schwarze Fahne mit einem Kreuz, die über der Schwelle ihres Hauses wehte.

          Kultivieren Sie diesen Glauben immer noch?

          Ja, das tue ich. Wissen Sie, ich bin ein Slawe und damit ein Heide, denn wir sind in Wirklichkeit sehr schwach christianisiert (lacht). Außerdem kam das Christentum zu uns aus Deutschland, und ich muss etwas Eigenes, meinen eigenen, unverfälschten Hintergrund haben. Und zu dem gehört der Glaube an die Geister und vor allem an die Ahnen. Ich kultiviere ihn, der Modernität, ja sogar der Postmodernität zum Trotz. Denn das ist meine Identität - egal, ob sie echt ist oder imaginär.

          Die Fragen stellte Marta Kijowska.
           

          Zur Person

          Andrzej Stasiuk, der am 25. September 1960 in Warschau geboren wurde, gilt heute in Polen als wichtigster Gegenwartsautor der jüngeren Generation. Als Schüler wurde er von der Schule verwiesen und engagierte sich in den achtziger Jahren in der polnischen pazifistischen Oppositionsbewegung.1980 zur Armee eingezogen, desertierte er wenige Monate später und verbüßte seine anderthalbjährige Strafe im Gefängnis. In seinem Debütwerk „Die Mauer von Hebron“ verdichtet Stasiuk 1993 seine Gewalterfahrung in der Haft. Es folgen Bücher wie „Der weiße Rabe“, das verfilmt wurde, und „Die Welt hinter Dukla“. Heute lebt Stasiuk in einem kleinen Dorf in den Niederen Beskiden. 

          In seinem dieser Tage erscheinenden „Kurzen Buch über das Sterben“ (Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall, Suhrkamp Verlag, Berlin 2013. 112 S., geb., 8 Euro) konfrontiert sich Stasiuk mit der Erfahrung von Sterben und Tod.

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