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Im Gespräch: Andrzej Stasiuk : Willst du frei sein, musst du einen Verrat begehen

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Nein, das ist keine sentimentale Reise. In der Prosa braucht man eine Materie, einen konkreten Raum, eine erkennbare Geographie, sie lebt ja von Einzelheiten, von Details. In diesem Buch erzähle ich vom Tod meines besten Freundes. Es war ein langes Sterben, und das Einzige, was ich - als Schriftsteller - für ihn tun konnte, war, dieses Sterben zu beschreiben. Und da wir unsere Kindheit zusammen in Grochów verbracht haben, musste auch der Ort in dem Buch auftauchen. Ich brauchte ihn, um die damalige Realität wiederzubeleben, um ihr den Schein einer Existenz zu geben.

Der deutsche Titel, „Kurzes Buch über das Sterben“, bezieht sich nicht nur auf Ihren Freund. Sie erzählen darin auch vom Tod zweier weiterer Menschen und eines Hundes. Aber nur im letzteren Fall liefern sie eine direkte, naturalistische Beschreibung des Sterbens...

...weil ich nur dieses eine Sterben unmittelbar erlebt habe. Und ich bin mir auch nicht sicher, ob ich das Sterben eines Menschen genauso naturalistisch beschreiben könnte. Ob ich den Mut dazu hätte und ob mir das wirklich gelänge. Außerdem ging es mir bei den Menschen, vom allem bei meinem Freund, darum, von dem Gefühl der Leere zu erzählen, das ein Tod hinterlässt. Und auch von der Ratlosigkeit angesichts des Sterbens, davon, dass man dafür keine gemeinsame Sprache findet, dass der Dialog mit einem Sterbenden irgendwann abbricht. Beide Seiten sagen dasselbe, er meint aber mit jedem Wort nur das eine: „Ich sterbe.“ Es entsteht eine unüberwindbare Barriere, aber keine der Seiten hat den Mut, diesen Zustand beim Namen zu nennen.

Was meinen Sie, wann wird dem Menschen eigentlich seine Sterblichkeit wirklich bewusst?

Wenn er zum ersten Mal den Tod von jemandem erlebt, der ihm wirklich nahestand. Nicht irgendein Mensch, von dessen Existenz er zwar wusste, den er aber nicht wirklich kannte, sondern jemand aus seiner eigenen Welt. Jemand, mit dem er das Leben geteilt hat. Das Leben, die Zeit, die Ereignisse, die Empfindungen. Denn damit beginnt seine Welt langsam zu schrumpfen. Und das ist der Moment, in dem er merkt: Aha, nun ist der Tod also da. Er ist in dein Haus, in dein Leben gekommen, und zwar nicht mehr als die weiße, knochige Gestalt aus den Märchen, sondern ganz real.

Eine der vier Geschichten handelt vom Tod Ihrer Großmutter, die an Geister glaubte und sehr schön erzählen konnte. War sie für Sie als Kind die wichtigste Bezugsperson?

Nicht nur sie. Überhaupt, wenn ich an meine Kindheit zurückdenke, wird mir klar, dass mich nicht so sehr das Leben in der Stadt prägte, sondern die Zeit, die ich bei den Großeltern auf dem Lande verbrachte. Das war meine stärkste, intensivste Kindheitserfahrung. Aber es stimmt, die Großmutter war am wichtigsten. Sie konnte wirklich fabelhaft erzählen. In dem Dorf, in dem sie lebte, gab es in den sechziger Jahren noch keinen Strom, wenn die Nachbarn also zusammenkamen, wurde viel erzählt. Und in den Geschichten meiner Oma vermischte sich die Welt der Menschen mit dem Reich der Geister. Dass zum Beispiel der Geist ihres Vaters sich kurz in ihrer Küche zu schaffen machte und dann wieder verschwand, war für sie das Natürlichste in der Welt. Trotz ihrer Religiosität hatte sie damit nicht das geringste Problem. Ich begann selbst auch, an die Geister zu glauben. Als sie starb, war es nicht ihr Tod, der mich erschreckte, sondern die schwarze Fahne mit einem Kreuz, die über der Schwelle ihres Hauses wehte.

Kultivieren Sie diesen Glauben immer noch?

Ja, das tue ich. Wissen Sie, ich bin ein Slawe und damit ein Heide, denn wir sind in Wirklichkeit sehr schwach christianisiert (lacht). Außerdem kam das Christentum zu uns aus Deutschland, und ich muss etwas Eigenes, meinen eigenen, unverfälschten Hintergrund haben. Und zu dem gehört der Glaube an die Geister und vor allem an die Ahnen. Ich kultiviere ihn, der Modernität, ja sogar der Postmodernität zum Trotz. Denn das ist meine Identität - egal, ob sie echt ist oder imaginär.

Die Fragen stellte Marta Kijowska.
 

Zur Person

Andrzej Stasiuk, der am 25. September 1960 in Warschau geboren wurde, gilt heute in Polen als wichtigster Gegenwartsautor der jüngeren Generation. Als Schüler wurde er von der Schule verwiesen und engagierte sich in den achtziger Jahren in der polnischen pazifistischen Oppositionsbewegung.1980 zur Armee eingezogen, desertierte er wenige Monate später und verbüßte seine anderthalbjährige Strafe im Gefängnis. In seinem Debütwerk „Die Mauer von Hebron“ verdichtet Stasiuk 1993 seine Gewalterfahrung in der Haft. Es folgen Bücher wie „Der weiße Rabe“, das verfilmt wurde, und „Die Welt hinter Dukla“. Heute lebt Stasiuk in einem kleinen Dorf in den Niederen Beskiden. 

In seinem dieser Tage erscheinenden „Kurzen Buch über das Sterben“ (Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall, Suhrkamp Verlag, Berlin 2013. 112 S., geb., 8 Euro) konfrontiert sich Stasiuk mit der Erfahrung von Sterben und Tod.

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