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Im Gespräch: Andrzej Stasiuk : Willst du frei sein, musst du einen Verrat begehen

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Ja, weil das die Peripherie von War-schau war, ein Teil von Praga, dem Viertel, das rechts der Weichsel liegt. Da kamen aus Ostpolen diese kommunistischen Immigranten der fünfziger und sechziger Jahre hin. Sie installierten sich dort zusammen mit ihren alten Lebensmustern, was Grochów eben einen dörflichen Charakter gab. Ich kann mich zum Beispiel an Pferdewagen erinnern, die Kohlen und Kartoffeln ausfuhren. Oder an Straßen, die so hießen wie die Dörfer, aus denen diese Menschen kamen. Ihre dörfliche Realität dauerte in all dem fort, und daraus ergab sich etwas sehr Spannendes, so eine Art Halb-Europa, Beinahe-Zivilisation, Fast-Stadt. Denn die eigentliche Stadt, das echte Warschau, lag ja auf dem linken Weichselufer.

Sie wechselten aber nicht auf das linke Weichselufer, und Sie blieben auch nicht in Grochów, sondern zogen ganz weit weg. Haben Sie manchmal das Gefühl, diesen Ort verraten zu haben?

Irgendwie schon. Ich habe ja damit auch die Welt meiner Eltern verlassen und lebe seitdem in einer völlig anderen Wirklichkeit. Aber so ist es immer, wenn man ein eigenes Leben beginnt und seine angeborene gesellschaftliche Identität ablegen will. Darauf basiert ja die Freiheit: Wenn du frei sein willst, musst du einen Verrat begehen, musst du dich davon befreien, was deine Kindheit, dein Elternhaus ausmachte. Inzwischen hat sich das stark verändert, den Krieg der Generationen gibt es so gut wie nicht mehr, aber früher ging es oft nicht anders: Man musste die Welt der Eltern verraten, um das tun zu können, was man wollte. Das Einzige, was sich meine Eltern für mich vorstellen konnten und auch wünschten, war die Karriere eines Arbeiters, weil das der Gipfel dessen war, was mein Vater erreichen konnte. Dank schwerer Arbeit und Sparsamkeit konnte er in dieser neuen städtischen Realität Wurzeln schlagen, ein Haus bauen, eine Familie gründen. Für ihn war es ein sozialer Aufstieg, doch seine Werte waren trotzdem nicht meine. Also musste ich mit dieser Welt gnadenlos brechen, sie ablehnen, zertrampeln, um mich da nicht hineinziehen zu lassen. Einige meiner Kumpels haben tatsächlich das Leben ihrer Väter kopiert, sind Arbeiter, bestenfalls Ingenieure geworden. Ich wollte aber ganz woandershin, um jeden Preis jemand anderer sein.

Hatte Ihr Vater noch die Möglichkeit zu sehen, was Sie aus Ihrem Leben gemacht haben?

Aber ja! Und meine Mutter auch. Beide Eltern leben noch, verfolgen meine Karriere, sehen mich im Fernsehen und sind heute stolz auf mich. Doch ich glaube nicht, dass sie diesen ganzen Mechanismus richtig verstanden haben, dass ihnen klar ist, dass ich das alles um den Preis des Verrats erreicht habe. Dass ich mich von ihrer Welt total abwenden, aus ihr flüchten musste, um dahin zu kommen, wo ich jetzt bin. Es freut mich natürlich, dass sie stolz sind. Ich war ja ein entsetzlicher Halunke und tat wirklich alles, den Gang ins Gefängnis eingeschlossen, um dieser Welt nicht anzugehören. Ich hoffe, dass ich etwas davon wieder gutgemacht habe. Jetzt sind sie stolz und zufrieden, wobei auch das seine Grenzen hat. Mein Vater hat nie Bücher gelesen, und meine liest er auch nicht, und für meine Mutter, die es versucht, sind sie nicht das Richtige. Dafür will sie, wenn ich sie besuche, wieder ganz die Mutter sein und auch an meinem jetzigen Leben vieles ändern und verbessern (lacht). Ein totaler Bruch mit Grochów war es übrigens auch damals nicht - ich ging später wieder dahin, weil ich eine phantastische Freundin hatte, die dort wohnte. Und heute leben dort meine Kinder, was allerdings mehr oder weniger ein Zufall ist.

Dass Grochów für Sie wichtig ist, merkt man Ihrem Buch stark an, das ja im Original auch so heißt. Dennoch hat der Ort darin eine bestimmte Funktion, er ist viel mehr als die Kulisse einer sentimentalen Reise in die Vergangenheit.

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