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„Ich hab’ mein Leben vergeigt“ : Der Chello

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Deutscher Fremdenlegionär in den fünfziger Jahren Bild: picture alliance / akg-images

In seiner schwäbischen Heimatstadt spielte er den Clown. Die Fremdenlegion lag ihm auf dem Gewissen. Nach seinem Tod fanden sich in seiner Kammer die gesamte Weltliteratur und rätselhafte Schriftstücke. Wer war der Chello?

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          Niemand konnte mir sagen, woher der Name kam. Vielleicht aus seiner Zeit in der Fremdenlegion. Eigentlich hieß er Richard Mürle. Er war mehrere Jahre jünger als ich. Als Kinder hatten wir um den Marktplatz unseres Fleckens herum, wie die Einheimischen ihr von der angrenzenden Stadt verschlucktes einstiges Dorf nannten, Fangen und Verstecken gespielt. Seine Eltern besaßen die größte Metzgerei des Orts, wohnten im stattlichsten Haus am Platz. Wir waren arme Ausgebombte. Später ging er auf ein anderes Gymnasium als ich, und so kam er mir schon in der Schulzeit aus den Augen. Als ich nach dreißig Jahren wieder häufiger in meine Heimatstadt zurückkam, war von ihm gelegentlich die Rede. „Was, du kennst den Chello nicht? Ein Original!“ Sind wir nicht alle Originale? Doch der Chello war ein besonderes Original.

          Er war kein alter Mann, weder krank noch geistig beschränkt. Einer Arbeit ging er nicht nach. Er glich einem seltsamen Vogel, dessen Habitat der Marktplatz, die alte Hauptstraße und die davon abzweigenden Gassen waren. Jeden Vormittag strich er dort herum, mal einen Damenhut tragend, mal geschminkt und mit Hornbrille, oft mit einer Bierflasche in der Hand. Dass er noch als Minderjähriger den Sirenenklängen der französischen Werber, vor denen in den fünfziger Jahren die Lehrer ihrer Schüler warnten, gefolgt war, viele Jahre in den schmutzigen Kriegen der ausgehenden Kolonialzeit gekämpft hatte, wussten alle. Er sprach nie über diese Zeit. Auch nicht über das Leben danach. Es muss eine Frau gegeben haben, von der er sich wieder trennte. Kinder hatte er nicht.

          „Er liest“, hieß es

          Seine Geschwister, welche die Metzgerei nicht weiterführten, hatten sich von ihm losgesagt. Die Eltern waren tot. An diese erinnere ich mich gut. Sie galten als „bhäb“. Ein unübersetzbares schwäbisches Wort: geizig, engherzig, von kleinlichem Wesen in jedwedem Sinn. Als Kind hatte ich bei den Mürles Leber- und Schinkenwurst gekauft und zugesehen, wie die Metzgerin dicht an den Fingerkuppen die Stücke abschnitt. Oft trugen ihre Hände einen Verband. Sie hatte ein hartes Gesicht mit eingezogenen Lippen. Dass sie lachte, konnte man sich nicht vorstellen. Ganz anders die Tante Emma, die ebenfalls im Laden stand. Eine unverheiratete dralle Blondine mit roten Backen, blauen Augen und fast immer einem Lächeln auf den Lippen

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          Der Chello wohnte in der ehemaligen Wurstküche im Hof seines Elternhauses. Es war ein Raum ohne Fenster, spärlichst möbliert, mit einer Glühbirne an der Decke. Betonfußboden und gekachelte Wände. Manchmal verschwand er für einige Tage. Er hatte Geld gespart, das er bei nächtlichen Streifzügen in den Vergnügungsvierteln der nahen Großstädte durchbrachte. Auf einen Tausender mehr oder weniger in einer Nacht kam es ihm nicht an. All dies weiß ich von seinem Betreuer, den er sich in späteren Jahren erwählte: seinem Hausarzt, den er von Kinder- und Schultagen her kannte. Die Praxis lag neben der früheren Metzgerei. Jeden Morgen erschien der Chello am Empfang mit einem heiseren „Mädle, wie geht’s euch?“ Er fragte nach dem Chef, erkundigte sich, was es zu tun gebe. Er leerte den Briefkasten, versah die Gänge zum Postamt, zur Apotheke, stellte die Mülleimer vor die Tür, besorgte er dem Praxisteam den Wurstweck fürs zweite Frühstück. Dass dabei ein Leberwurstbrötchen oder eine Butterbretzel auch für ihn abfiel, nahm er gern an. Aber es war nicht die Bedingung für seine Hilfe. Er wollte unter den Leuten sein, einen Schwatz machen.

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