https://www.faz.net/-gqz-79ct4

Giorgio Agamben im Gespräch : Die endlose Krise ist ein Machtinstrument

  • Aktualisiert am

Die schleichende Musealisierung ist also das Gegenstück zur schleichenden Verarmung?

Man sieht doch deutlich, dass es gar nicht nur um wirtschaftliche Probleme geht, sondern um die Existenz von Europa als Ganzem - angefangen bei unserer Beziehung zur Vergangenheit. Der einzige Ort, in dem die Vergangenheit leben kann, ist die Gegenwart. Und wenn die Gegenwart die eigene Vergangenheit nicht mehr als lebendig empfindet, werden Universitäten und Museen problematisch. Ganz offensichtlich sind heute in Europa Kräfte am Werk, die unsere Identität manipulieren wollen, indem sie die Nabelschnur zerstören, die uns noch mit unserer Vergangenheit verbindet. Stattdessen sollen die Unterschiede eingeebnet werden. Europa kann aber nur unsere Zukunft sein, wenn wir uns klarmachen, dass es erst einmal unsere Vergangenheit bedeutet. Und diese Vergangenheit wird zunehmend liquidiert.

Die allgegenwärtige Krise ist also eine Ausdrucksform eines ganzen Herrschaftssystems und zielt auf unser Alltagsleben?

Der Begriff „Krise“ ist in der modernen Politik ja zur Tageslosung geworden und gehört längst in jedem Segment des Soziallebens zur Normalität. Im Wort selbst kommen zwei semantische Wurzeln zum Ausdruck: die medizinische im Krankheitsverlauf und die theologische des Jüngsten Gerichts. Beide Bedeutungen haben jedoch heute eine Transformation durchgemacht, die ihren Zeitbezug wegnimmt. „Krisis“ bedeutete in der antiken Medizin das Urteil, wenn der Arzt im entscheidenden Augenblick merkte, ob der Kranke überleben oder sterben würde. Im heutigen Verständnis von Krise ist daraus ein Dauerzustand geworden. So wird diese Unsicherheit in die Zukunft verlängert, bis ins Unendliche. Beim Jüngsten Gericht verhält es sich genauso; das Urteil war nicht zu trennen von der vollendeten Zeit. Heute jedoch wird das Urteil von der Idee eines Beschlusses abgetrennt und immer weiter aufgeschoben. So wird die Aussicht auf eine Entscheidung immer geringer, und die unendliche Entscheidung beschließt gar nichts mehr.

Die Krise der Schulden, der Staatsfinanzen, der Währung, der EU - das hört also niemals auf?

Heute ist die Krise zum Herrschaftsinstrument geworden. Sie dient dazu, politische und ökonomische Entscheidungen zu legitimieren, die faktisch die Bürger enteignen und ihnen jede Entscheidungsmöglichkeit nehmen. In Italien sieht man das deutlich. Hier hat man im Namen der Krise eine Regierung gebildet und Berlusconi wieder an die Macht gebracht, obwohl das grundlegend dem Willen der Wähler widerspricht. Diese Regierung ist ebenso illegitim wie die sogenannte europäische Verfassung. Die europäischen Bürger müssen sich klarmachen, dass diese unendliche Krise - genau wie der Ausnahmezustand - mit der Demokratie inkompatibel ist.

Welche Perspektiven bleiben Europa noch?

Wir müssen erst einmal dem Wort „Krise“ seine ursprüngliche Bedeutung zurückgeben: als Augenblick des Urteils und der Wahl. Für Europa können wir das nicht ins Unendliche hinausschieben. Vor vielen Jahren hat ein hoher Funktionär des werdenden Europas, der Philosoph Alexandre Kojève, angenommen, dass der homo sapiens am Ende der Geschichte angekommen sei, und nun gebe es nur mehr zwei Möglichkeiten: Den „american way of life“, was Kojève als posthistorisches Vegetieren verstand. Oder den japanischen Snobismus, einfach weiter die leeren Rituale der Tradition zu zelebrieren, die jeder historischen Bedeutung beraubt sind. Ich glaube, Europa könnte dazwischen die Alternative einer Kultur verwirklichen, die human und vital zugleich bleibt, weil sie im Dialog mit der eigenen Geschichte steht und daraus neues Leben gewinnt.

Europa, verstanden als Kultur und nicht nur als Wirtschaftsraum, könnte also eine Antwort auf die Krise geben?

Seit mehr als zwei Jahrhunderten konzentriert sich die Energie des Menschen auf die Ökonomie. Vieles deutet darauf hin, dass für den homo sapiens vielleicht der Moment gekommen ist, die menschlichen Handlungen jenseits dieser einzigen Dimension neu zu organisieren. Das alte Europa kann gerade da einen entscheidenden Beitrag für die Zukunft leisten.

Zur Person

Giorgio Agamben, Jahrgang 1942 und von Haus aus Jurist, ist spät, aber dann überaus wirkungsvoll zur international bekannten Figur einer tief angelegten philosophischen Gegenwartsdiagnostik geworden. Zahlreiche Übersetzungen seiner Bücher, auch ins Deutsche, führen diese Wirkung vor Augen. Zu den wichtigsten zählen die Bände seines „Homo sacer“-Projekts, darunter: „Die souveräne Macht und das nackte Leben“, „Was von Auschwitz bleibt“, „Ausnahmezustand“. In diesem Jahr erscheinen ein weiterer Band dieses Projekts, „Opus Dei: Archäologie des Amts“, und Essays unter dem Titel „Die Macht des Denkens“.

Mit seiner Empfehlung, an einen Gedanken Alexandre Kojèves anzuschließen und ein „lateinisches Imperium“ des Südens gegen einen hegemonialen Norden Europas in Stellung zu bringen, sorgt Agamben seit einigen Wochen für Debatten.

Weitere Themen

„The Great Hack“ Video-Seite öffnen

Trailer : „The Great Hack“

„The Great Hack“ läuft ab Mittwoch, den 24. Juli bei Netflix.

Topmeldungen

Der Wahlkampf im kommenden Jahr wird wohl mit beispielloser Härte geführt werden.

Neue Umfrage : Misstrauen gegen jedermann in Amerika

Die Amerikaner sehen ihre Regierung und ihre Mitbürger immer skeptischer. Vor allem bei der Unterscheidung von Wahrheit und Lüge zeigen sich viele verunsichert. Für den Vertrauensschwund geben sie unterschiedliche Gründe an.

Bergbau im Erzgebirge : Die Jagd nach dem Milliarden-Schatz

Im Erzgebirge wird an der ersten deutschen Erzmine seit dem Krieg gebaut. Ein Investor verspricht sichere Rohstoffe und Hunderte Arbeitsplätze. Doch Politiker interessiert es nicht, Behörden mauern und Anwohner rebellieren.
Gebannte Blicke im Königreich: Am Mittwoch soll Königin Elizabeth II. den neuen Premierminister ernennen.

Regierungswechsel in London : Die Woche der Entscheidung

In Großbritannien beginnt eine innenpolitisch spannende Woche. Die Tories wählen einen neuen Vorsitzenden und damit zugleich den neuen Premierminister. Wir fassen zusammen, was wann geschieht.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.