https://www.faz.net/-gqz-79ct4

Giorgio Agamben im Gespräch : Die endlose Krise ist ein Machtinstrument

  • Aktualisiert am

Nicht illegal, sondern illegitim. Die Legalität betrifft die Regeln der Machtausübung; die Legitimität ist das Prinzip, welches diese Regeln begründet. Juristische Verträge sind doch keine Formalitäten, sondern spiegeln eine soziale Realität wider. Darum ist es verständlich, dass eine Institution ohne Verfassung keine echte Politik machen kann, sondern dass jeder europäische Staat weiter nach seinen egoistischen Interessen handelt - und das sind heute offensichtlich vor allem die ökonomischen. Der kleinste Nenner von Einigkeit wird noch erreicht, wenn Europa als Vasall der Vereinigten Staaten auftritt und an Kriegen teilnimmt, die in keiner Weise im gemeinsamen Interesse liegen, vom Volkswillen mal ganz zu schweigen. Sowieso gleichen diverse Gründerstaaten der EU - wie etwa Italien mit seinen zahlreichen amerikanischen Militärbasen - eher Protektoraten als souveränen Staaten. In der Politik und beim Militär gibt es ein atlantisches Bündnis, aber sicher kein Europa.

Und darum ziehen Sie ein lateinisches Imperium, an dessen Lebenskunst sich die „Germanen“ orientieren sollen, der EU vor ...

Nein, ich habe mich - vielleicht etwas provokativ - an Alexandre Kojèves Projekt eines „lateinischen Imperiums“ orientiert. Im Mittelalter wusste man wenigstens, dass eine Einheit verschiedener politischer Gesellschaften mehr bedeuten muss als eine rein politische Gesellschaft. Damals suchte man das einigende Band im Christentum. Heute glaube ich, dass man diese Legitimation in Europas Geschichte und seinen kulturellen Traditionen suchen muss. Im Unterschied zu Asiaten und Amerikanern, für die Geschichte etwas ganz anderes bedeutet, begegnen Europäer ihrer Wahrheit immer im Dialog mit ihrer Vergangenheit. Vergangenheit bedeutet für uns nicht nur Kulturgut und Tradition, sondern eine anthropologische Grundbedingung. Wir können zur Gegenwart nur archäologisch vordringen, indem wir mit unserer Geschichte ins Reine kommen. So wurde die Vergangenheit für uns eine Art Lebensform. Europa hat zu seinen Städten, seinen Kunstschätzen, seiner Landschaft einfach eine besondere Beziehung. Hieraus besteht Europa recht eigentlich. Und hierin liegt das Überleben Europas.

Europa ist also erst einmal eine Lebensform, ein historistisches Lebensgefühl?

Ja, darum habe ich in meinem Artikel darauf bestanden, dass wir unsere unterschiedlichen Lebensformen unbedingt bewahren müssen. Indem sie die deutschen Städte bombardierten, wussten die Alliierten auch, dass sie die deutsche Identität zerstören konnten. In gleicher Weise zerstören Spekulanten heute mit Beton, Autobahnen, Hochgeschwindigkeitstrassen die italienische Landschaft. Damit wird uns nicht nur einfach ein Gut geraubt, sondern unsere historische Identität.

Also sollte die EU viel mehr auf Unterschieden beharren als auf Angleichung?

Vielleicht nirgendwo sonst in der Welt, nur in Europa, macht eine solche Verschiedenheit der Kulturen und Lebensformen - wenigstens in kostbaren Momenten - eine Zusammengehörigkeit fühlbar. Früher drückte sich das politisch meinetwegen in der Idee des Römischen Reiches, später des römisch-germanischen Reiches aus. Das Ganze ließ aber immer die Eigenheiten der Völker intakt. Es ist nicht leicht zu sagen, was heute an diese Stelle treten könnte. Aber ganz gewiss kann ein politisches Gebilde namens Europa nur von diesem Bewusstsein der Verschiedenheit ausgehen. Darum gerade erscheint mir die gegenwärtige Krise so bedrohlich. Wir müssten uns die Einheit unter Bewahrung der Unterschiede erst einmal vorstellen, darüber nachdenken. Doch ganz im Gegenteil werden in den europäischen Staaten gerade Schulen und Universitäten abgebaut und finanziell ausgehöhlt, also genau die Institutionen, die unsere Kultur weitergeben und über den lebendigen Kontakt zwischen Vergangenheit und Gegenwart wachen sollten. Zu dieser Aushöhlung passt eine wachsende Musealisierung der Vergangenheit. Das fängt schon bei manchen Städten an, die in historische Zonen verwandelt werden und wo sich die Bewohner als Touristen in der eigenen Lebenswelt fühlen müssen.

Weitere Themen

Russischer Ort streitet über Stalin-Statue Video-Seite öffnen

Aufstellen oder nicht? : Russischer Ort streitet über Stalin-Statue

Seitdem in der russischen Ortschaft Kusa eine alte Stalin-Statue in einem Teich entdeckt wurde, spaltet sie das Städtchen. Soll sie am alten Ort wieder aufgestellt werden, wie das der kommunistische Aktivist Stanislaw Stafejew fordert? Oder sollte sie lieber ins Museum?

Topmeldungen

Donald Trump am 12. Juli in Milwaukee

Provokation auf Twitter : Trumps Spiel mit dem Feuer

Auf Twitter beleidigt Amerikas Präsident vier Parlamentarierinnen rassistisch. Mit der Provokation will er Konflikte unter den Demokraten schüren – und scheitert.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.