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Georg Büchners Zeichner : Als Porträtist war er eher unbeholfen

  • -Aktualisiert am
Signatur August Hoffmanns unter der Zampa-Zeichnung

Durch die vom Betrachter mit bloßem Auge zu entziffernde schlüpfrige Arie, in der sich der Korsar Zampa mit seinen Eroberungen brüstet („Wenn ein Mädchen mir gefällt dann hilft kein Widerstreben, hat mein Herz einmal gewählt, so muss sie sich ergeben“), inszeniert sich der Dargestellte als Herzensbrecher – entweder seiner Bühnenrolle entsprechend oder, in Anspielung darauf, gegenüber einer realen beziehungsweise imaginären Geliebten.

Von hier führt kein Weg zu Georg Büchner. Der litt, eigenem Bekunden nach, schrecklich darunter, wenn „Frauenzimmer in einer Soiree oder einem Konzerte einige Töne totschreien oder winseln.“ Möglicherweise konnte er selbst keinen geraden Ton singen; sein Straßburger Verwandter Edouard Reuss erinnerte sich an eine gemeinsame Wanderung zusammen mit vier Freunden, deren Höhepunkt die Besteigung des Grand Ballon mit anschließender Übernachtung auf einer Sennhütte war. „Die halbe Nacht hindurch“, so Reuss, hätten ihre Mitwanderer die Hirten mit „norddeutschen Quartetten“ erfreut; „Büchner und ich allein mussten schweigen“.

Körperhaltung und Gesichtsform des Zampa-Darstellers ähneln dem bekannten Büchner-Porträt auf verblüffende Weise. Ähnlichkeit allerdings war noch nie ein hinreichendes Kriterium für eine sichere Identitätsfeststellung. Bei genauerem Hinsehen offenbaren sich markante biometrische Unterschiede: die Form des Ohrläppchens, der Abstand zwischen Lid und Augenbrauen, vor allem die Farbe der Iris: Der als Korsar posierende junge Mann hat dunkle, vielleicht braune Augen, das Büchner-Porträt zeigt jedoch eine hellere Farbe, damit der Beschreibung des Steckbriefs entsprechend: „Augen: graue“. Bei genauer Betrachtung beruht die Ähnlichkeit auf der schematischen Darstellung von Gesichtsmerkmalen. Kunststück: Hoffmann war spezialisiert auf Bühnenbilder und Dekorationen, nicht auf menschliche Bildnisse.

Der Theatermaler August Hoffmann

Vermutlich handelt es sich bei dem Dargestellten um ein Mitglied der Familie des Künstlers. Dafür spricht sowohl die Überlieferung im Nachlass von August Hoffmann als auch die Tatsache, dass das Bild, wie an den Faltungen abzulesen ist, ursprünglich gerahmt aufbewahrt wurde, der Familie mithin als Wandschmuck (zur liebevollen Erinnerung?) diente. Ein Selbstbildnis des 1833 fünfundzwanzig-, sechsundzwanzigjährigen August Hoffmann kommt dabei weit weniger in Betracht als ein Konterfei seines jüngeren Bruders Ludwig, der als Schauspieler und Sänger in die Fußstapfen seines Vaters trat und als „Zögling“ noch bis 1833 am Darmstädter Theater nachzuweisen ist. Danach verliert sich seine Spur.

Um den erhofften „Jahrhundertfund“ handelt es sich also nicht; die Zahl der authentischen Porträts Georg Büchners ist nicht erhöht worden. Immerhin konnte August Hoffmann aufgrund seines jetzt aufgetauchten Nachlasses zuverlässig als Urheber des nur mit A. H. signierten Porträts identifiziert werden. Eine Antwort auf eine bis dahin offene Frage wurde gefunden, die – wie jede neue Erkenntnis – wiederum neue Fragen aufwerfen wird.

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