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Georg Büchners Zeichner : Als Porträtist war er eher unbeholfen

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Zusammen mit seinen beiden jüngeren Brüdern Adolph und Ludwig wirkte August Hoffmann in den 1820er Jahren am Darmstädter Theater in Kinderrollen. Von 1824 bis 1827 lernte er in Darmstadt bei Galeriedirektor Franz Hubert Müller zeichnen und malen; anschließend studierte er an der Münchner Kunstakademie Theatermalerei. Spätestens Ende 1833, vielleicht auch schon weit eher, kehrte er zu seiner Familie nach Darmstadt zurück. Am 15. August 1834 wurde er in Frankfurt als Theatermaler angestellt, ein Jahr später heiratete er die sechs Jahre jüngere Pfarrertochter Christiane Clotz aus Sickenhofen.

Möglicherweise August Hoffmann (rechts) im Kreis der Familie Clotz

Aber wann hat Hoffmann Büchner porträtiert? Seine Zeichnung trägt kein Datum. Ein Brief, den Büchner Anfang März 1834 aus Gießen an seine Straßburger Freundin schrieb, liefert ein Indiz. Dort heißt es: „Und doch bin ich gestraft, ich fürchte mich vor meiner Stimme und – vor meinem Spiegel. Ich hätte Herrn Callot-Hoffmann sitzen können, nicht wahr, meine Liebe? Für das Modellieren hätte ich Reisegeld bekommen.“ Bereits die Erwähnung vom „jemanden ‚sitzen’“ lässt aufhorchen; in Verbindung mit dem Namen Hoffmann ergibt sich daraus ein Hinweis auf das Porträtiertwordensein: Wie du weißt, lautet die Mitteilung umformuliert, habe ich mich kürzlich von August Hoffmann zeichnen lassen; angesichts meiner derzeitigen psychischen Verfassung hätte ich als Modell für die unheimlichen Geschichten von Callot-Hoffmann getaugt (für das populäre Pseudonym hatte E.T.A. Hoffmann, dessen Figuren mitunter vor ihrer Stimme und ihrem Spiegelbild erschrecken, mit seinen anonym erschienenen „Fantasiestücken in Callot’s Manier“ selbst gesorgt). Das Spiel mit der Namensgleichheit setzt nicht nur beiderseitige E.T.A. Hoffmann-Lektüre voraus; zugleich muss Büchner gegenüber Jaeglé bereits früher vom Porträtsitzen berichtet haben. Es dürfte vor dem 8./9. März 1834 stattgefunden haben.

Große Leidenschaften und Gemütsbewegungen

Ohne genauere Kenntnis der künstlerischen Fähigkeiten von August Hoffmann hatte ich 1993 gemutmaßt, dass Büchner Hoffmann im Auftrag der Eltern hatte sitzen müssen und dass eine Kopie des Porträts, nach Straßburg gesandt, die Gegengabe für Jaeglés Porträt gewesen sein könnte. Hatte er doch seiner Freundin Mitte März versichert, dass er halbe Tage „eingeschlossen“ mit ihrem Bild verbringe. Nachdem ich kürzlich durch das Entgegenkommen des Instituts Mathildenhöhe in Darmstadt eine Reihe von Zeichnungen und Skizzen Hoffmanns aus Gießener Familienbesitz in Augenschein nehmen konnte, halte ich es nunmehr für wenig wahrscheinlich, dass Büchners Eltern den als Porträtist eher unbeholfen wirkenden Theatermaler beauftragt haben könnten. Plausibler scheint mir, dass Büchner selbst es war, der den sechs Jahre Älteren um den Gefallen bat; vielleicht gab sich der Verwandte mit einer geldlosen Gegenleistung zufrieden oder verzichtete auf eine Honorierung. Dieses Porträt dürfte für Jaeglé bestimmt gewesen sein und wenig später in Straßburg angekommen sein. Weil das uns bekannte Bildnis aber aus Büchnerschem Familienbesitz stammt und eine entsprechende Beisteuer Jaeglés nicht nachzuweisen ist, gehe ich davon aus, dass Büchner Hoffmann zugleich eine Kopie herstellen ließ. Nach einer Veranlassung für diese Zweitfertigung muss man im Kalender nicht lange suchen: Am 22. März 1834 feierte seine Großmutter Louise Reuß einen runden, nämlich ihren 70. Geburtstag.

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