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Georg Büchners Frauenfiguren : Das zweifelhafte Ideal der Geistlosigkeit

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Was sagt es eigentlich über Georg Büchner aus, dass die Frauenfiguren in seinen Werken sinnlich, aber nicht besonders klug sind. Und warum sind sie beim Publikum trotzdem so beliebt?

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          In der Liebe war Georg Büchner, soweit wir wissen, Monotheist. Mit der Straßburger Pfarrerstochter Wilhelmine Jaeglé war er fünf Jahre lang verlobt, zwei davon heimlich. Biographische Spekulanten haben noch weitere fünf weibliche Wesen ins Visier genommen, an die Büchner mehr als sein Herz verloren haben könnte. Doch um sie und ihresgleichen soll es hier nicht gehen, sondern um Gestalten seiner Phantasie. Würde das Publikum aufgefordert, unter ihnen seine Lieblinge zu küren, dann entfielen die meisten Stimmen wohl auf das Dreigestirn Lucile, Marie und Lena.

          Platz 3: Lena. Sie ist ein Glückskind, Prinzessin des Königreichs Pipi und seit langem mit dem Thronfolger von Popo verlobt. Heute hat sie ihr weißes Hochzeitskleid und den Brautschmuck angelegt, denn am nächsten Tag soll sie Prinz Leonce zugeführt und im großen Saal des Residenzschlosses vor zahlreichen geladenen Gästen mit ihm getraut werden.

          Schade nur, dass Lena den ihr zugedachten Leonce nicht liebt: „Warum schlägt man einen Nagel durch zwei Hände, die sich nicht suchten?“ Auf einem Spaziergang im Schlossgarten klagt sie ihrer Erzieherin ihr Leid: Lieber will sie tot sein, als ihr individuelles Lebensglück der gesellschaftlichen Pflicht opfern; Leonces Ring, den sie als Zeichen der Verbundenheit trägt, „sticht“ sie „wie eine Natter“. Vergeblich sucht die ältere Freundin ihr aus Gründen der Staatsräson den Bräutigam schmackhaft zu machen; Lena beharrt darauf, dass sie sich in eine Ehe ohne Liebe nicht hineinfinden mag.

          Dem Kummer ihres Schützlings kann sich die Gouvernante, von Muttergefühlen bewegt, nicht verschließen; forsch setzt sie sich über eigene Skrupel hinweg und sucht mit der Braut das Weite, das, wie wir wissen, im biedermeierlichen Deutschland nur eine ferne Nähe ist. Leider beruht die Lebenserfahrung beider Frauen größtenteils auf klassischer und romantischer Lektüre, auf dem Glauben an einen unschuldig-naiven Naturzustand, der von heimeligen Klöstern, edlen Eremiten, sorglosen Schäfern und irrenden Königssöhnen belebt wird. Diese Sehnsucht nach einer glücklicheren, friedvolleren Welt wird unterwegs nicht erfüllt.

          Unendlich schön und unendlich geistlos

          Schicksalhaft kreuzt sich der Leidensweg der beiden Frauen mit dem von Leonce, der ebenfalls der Pflichtheirat entflieht und mit seinem Kumpan Valerio auf dem Weg nach Italien ist. Die beiden Königskinder verstehen sich auf Anhieb, ihre morbide Phantasie bringt sie einander näher. Wobei Lenas Todessehnsucht eine Reaktion auf die drohende Verheiratung ist, Leonces Melancholie dagegen sein selbstgewählter Spleen, eine Modekrankheit, die er sich rechtzeitig zugelegt hat. Als Melancholiker aber bildet er sich ein, den Subtext verstanden zu haben, der Lenas Frage an die Gouvernante zugrunde liegt: „Meine Liebe, ist denn der Weg so lang?“ Und daher fällt es ihm nicht schwer, das Stichwort aufzugreifen und daraus ein moribundes Thema zu komponieren: „Oh jeder Weg ist lang. Das Picken der Totenuhr in unserer Brust ist langsam, und jeder Tropfen Blut misst seine Zeit, und unser Leben ist ein schleichend Fieber. Für müde Füße ist jeder Weg zu lang...“

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