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Fritz Stern im Gespräch : Obama ist in einer unmöglichen Lage

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Fritz Stern während eines Besuchs der Frankfurter Buchmesse vor einigen Jahren Bild: dpa

Mit seiner scharfen Kritik an den Abhöraktionen der Vereinigten Staaten sorgte der amerikanische Historiker für Schlagzeilen. Im Gespräch zeigt er sich zuversichtlich: Amerika wird sich wieder in den Griff bekommen.

          Sie haben die Einschätzung geäußert, durch das Abhören des Telefons der Bundeskanzlerin seien die deutsch-amerikanischen Beziehungen in ihre schlimmste Krise seit 1945 geraten. Was unterscheidet die gegenwärtige Situation von früheren Phasen atmosphärischer Spannungen?

          In erfreulicher Schnelligkeit haben Amerikaner und Deutsche nach dem Krieg den Krieg hinter sich gelassen. Aus dem Sieger wurde die Schutzmacht. Die Rote Armee begünstigte natürlich die Annäherung. Aber leicht vergisst man, dass sich nicht nur die Regierungen, sondern Menschen im öffentlichen Leben für dieses Bündnis engagiert haben, auf beiden Seiten, Einzelpersonen und ganze Vereine, mit riesengroßem Erfolg. Was mit solcher Mühe aufgebaut worden ist, wird nun aufs Spiel gesetzt.

          Kann es sein, dass das Schwinden des Wissens über Länder wie Deutschland Geheimdiensterkenntnisse für die exekutive Entscheidungsfindung wichtiger werden lässt?

          Helmut Schmidt soll einmal gefragt worden sein, welchen Rat er einer neuen Regierung geben würde. Seine Antwort: Hört nicht auf die Geheimdienste! Die amerikanischen Geheimdienste, aber nicht nur sie haben die neuen technologischen Möglichkeiten ausgeschöpft und sind Amok gelaufen. Das ist ungeheuer beunruhigend, und wie man ihre Tätigkeit wieder einer gewissen Kontrolle unterwerfen kann, ist sehr fraglich.

          Sie haben vor zwanzig Jahren selbst das diplomatische Geschäft aus nächster Nähe studieren können: als Berater von Richard Holbrooke, dem amerikanischen Botschafter in Bonn. Auf welchen Wegen haben sich der Botschafter und seine Mitarbeiter in dieser Zeit kurz nach der Wiedervereinigung über die deutschen Dinge kundig gemacht?

          Ich habe natürlich ungemein profitiert von Holbrookes Unwissenheit: Deswegen hatte er mich ja mitgenommen! Er wollte nach Japan, wo er sich sehr gut auskannte, und dann plötzlich kam Clinton auf die Idee, ihn nach Deutschland zu schicken. Es gab jemanden in der Botschaft mit dem Namen Milton Bearden, der in den Diensten eines Geheimdienstes stand. Aber er war ein Mann des Augenmaßes. Er wusste sehr viel und hatte viel mit seinen deutschen Partnern zu tun, insbesondere mit Bernd Schmidbauer, dem Geheimdienstkoordinator von Bundeskanzler Kohl. In der Botschaft wurden gewiss auch Dinge gemacht, von denen ich nur sehr wenig wusste. Ich weiß nur, dass es immer eine gewisse Spannung gibt zwischen demjenigen, der an die Botschaft angegliedert ist, aber noch einen anderen Boss hat, und dem Botschafter. Darf er Berichte an seine andere Stelle schicken, ohne sie dem Botschafter zu zeigen? Holbrooke war hundertprozentig der Meinung: Wenn du von hier etwas schreibst, das wichtig ist, muss ich es sehen. Ich glaube nicht, dass Holbrooke oder seine Mitarbeiter den Geheimdiensten in besonderem Maße Gehör schenkten. Sie standen in direkter, vertrauter Verbindung mit den Deutschen.

          Angela Merkel ist als große Freundin der Vereinigten Staaten bekannt. Es ist wohl nicht so, dass Washington ihr gegenüber einen Anlass zum Misstrauen hätte, wie es Willy Brandts Ostpolitik geweckt haben mag.

          Wenn Brandt abgehört worden wäre, hätte ich das ebenso scharf kritisiert. Eines der traurigen Merkmale dieser Angelegenheit ist die Dummheit! Erwartet man, dass man aus Frau Merkels privaten Telefongesprächen irgendetwas über den Kampf gegen den Terrorismus lernen kann? Das ist die reinste arrogante Dummheit. Und wir wissen aus der Geschichte, dass Dummheiten dieser Art gefährlich sind. Ich glaube, jetzt kommt in diesem Land eine Zeit der ernsten Auseinandersetzung über die NSA, über das Thema der Überwachung. Aber das alles ist etwas abstrakter für Amerikaner als für Europäer. Bis zum 11. September hielt sich das Land tatsächlich für unverwundbar. Dann hat man gemerkt, dass man verwundbar ist. Die Demonstration massiver Überlegenheit gemäß der Taktik des „Shock and Awe“ ist in der ersten Minute zwar gelungen, aber danach sind die Dinge wieder schiefgelaufen. Das Unglück heute ist die Kombination von äußeren Gefahren und innerer Schwäche. So können Europäer leicht verleitet werden, Amerika zu unterschätzen.

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