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Frankfurt liest ein Buch : Ginster und Chaplin

Börsenblattanzeige vom 8. Dezember 1828 Bild: Archiv

Siegfried Kracauers „Ginster“ ist ein Bildungsroman ohne individuelle Bildung. Genauer gesagt: „Ginster“ ist der gedankenanregendste deutsche Roman ohne echte Handlung.

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          „Ginster im Krieg, das ist: Chaplin im Warenhaus“. So Joseph Roth in seiner Rezension des Romans „Ginster“ von Siegfried Kracauer in der „Frankfurter Zeitung“ am 25. November 1928. Seitdem ist dieser rätselhafte Satz vielfach zitiert worden, zuletzt auf dem Umschlag der in diesem Jahr herausgekommenen Ausgabe des Romans.

          Roth stand mit seinem Eindruck, der Held des Romans von Kracauer und Chaplin seien einander ähnlich, nicht allein. Noch vor der Publikation des Romans hatte am 15. Januar desselben Jahres Ernst Bloch aufgrund seiner Lektüre des Manuskripts in einem Brief an Kracauer geschrieben: „...eine spannendere Entspanntheit habe ich noch nicht gelesen. Der unbeteiligte Held, den nichts angeht, der alles jetzt Geschehende dadurch zugleich, ganz ohne Pathos, entwertet. Trotz Schweijk ist der Typ neu. Höchstens vom Film gehen gewisse Züge herüber, von Chaplin und Buster Keaton. Seltsam wirkt dabei die angehaltene Langeweile des Aspekts; sie vergrößert sowohl verblüffend, als sie macht das Trostlose irgendwie heiter, als vor allem: sie ist das Erkenntnisinstrument des Wahren, Konkreten, wirklich damals Geschehenen.“

          Was bedeutet nun aber dieser Hinweis auf Chaplin, was erschließt er an „Ginster“, dem jungen Mann ohne Eigenschaften, von dessen Nichtteilnahme am Ersten Weltkrieg der Roman erzählt? Erschließt er überhaupt etwas, oder handelt es sich nur um einen geistreichen Einfall, überraschend, aber nicht belastbar?

          Die Frage drängt sich auf, denn weder ist „Ginster“ im engeren Sinne ein komischer Roman, noch ist überhaupt auf den ersten Blick klar, inwiefern sich ein Roman und ein Stummfilm – ganz zu schwiegen von einem Krieg und einem Warenhaus - ähneln können.

          Klären wir erst einmal die Tatsachen. „Chaplin im Warenhaus“, damit meinte Joseph Roth ziemlich sicher den 24-minütge Streifen „The Floorwalker“ (zu deutsch etwa: „Der Abteilungsleiter“, Roth hat den eleganten Begriff „Rayon-Chef“) von 1916, in dem Charlie Chaplin einen Kunden spielt, der aber nichts kaufen, sondern alle Waren nur ausprobieren will und dabei nicht nur das Personal des Kaufhauses strapaziert, sondern auch den Versuch zweier Angestellter (Eric Campbell und Lloyd Bacon) zunichte macht, das Kaufhaus um seine Einnahmen zu betrügen. Berühmt hat den Film damals der erste Einsatz einer Rolltreppe gemacht, auf der sich das Bewegungstalent Chaplins wie das Bewegungsverhängnis seiner Figur zeigen.



          Joseph Roth wusste, mit seinem Urteil über „Ginster“ „Wir haben endlich den literarischen Chaplin“ eine ziemlich großes Kompliment an den Redakteur derjenigen Zeitung gemacht zu haben, bei der er seine Rezension einlieferte. Dass Kracauer der Autor von „Ginster“ war, das wusste Roth zweifelsohne. Dass Kracauer in seinen Filmkritiken eine Hymne auf Charlie Chaplin gesungen hatte – der damals, so Kurt Tucholsky 1926, der berühmteste Mann der Welt“ war -, dürfte ihm auch nicht unbekannt gewesen sein. Handelte es sich also bei Roths Vergleich gar nicht um einen Einfall, sondern um eine Form von Reklame? „Chaplin im Warenhaus - das ist wie Ginster im Krieg“ würde jedenfalls noch heute niemand auf ein Filmplakat drucken.

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