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Fragen an zwei Generationen : „Ich bin vor Lachen einmal fast ertrunken“

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Mauritz Scheib, 27 Jahre, in seiner Münchner Wohnung und Asta Scheib, 74 Jahre, in ihrem Garten in München Bild: Andreas Müller

Asta Scheib und ihr Enkel Mauritz schwärmen vom Draußensein in der Kindheit und der Sehnsucht nach der weiten Welt.

          8 Min.

          Was haben Sie gesehen, wenn Sie als Kind aus dem Fenster geschaut haben?

          Mauritz Scheib: Ich bin in München aufgewachsen. Meine Großmutter Asta wohnte lange mit uns in einem Haus und später, nach der Scheidung meiner Eltern, bin ich zu ihr unters Dach gezogen. Ich sah über die Dächer von Neuhausen.

          Was haben Sie gesehen, wenn Sie als Kind aus dem Fenster geschaut haben?

          Asta Scheib: Den Turm der lutherischen Kirche. Die Häuser der Nachbarn, des Bäckers. Das schärfste Bild: der Einzug amerikanischer Soldaten 1945. Auf dem ersten Jeep ein großer Schwarzer mit grellweißen Zähnen. Er lachte breit und gab mir eine Orange. Damit rannte ich auf den obersten Boden unseres Fachwerkhauses. Die Freude über das Geschenk erstickte mich fast. Ich versuchte, die Orange zu schälen, da kamen meine Geschwister und die Nachbarskinder. Ich glaube, wir haben auch die Schale gegessen.

          Wo war als Kind Ihr Lieblingsplatz?

          Mauritz Scheib: Zwischen sieben und zehn Jahren im Grünwaldpark gleich am Nymphenburger Kanal. Da traf ich die Kumpels aus der Nachbarschaft zum Fußball und Tischtennisspielen.

          Wo war als Kind Ihr Lieblingsplatz?

          Asta Scheib: Im Beul. Das war ein bewaldeter Hügel, wo es Höhlen gab, in denen sich deutsche Soldaten vor den Amerikanern versteckt hatten. Mir war verboten, in den Beul zu gehen. Doch die rauhen Tannen, umschlungen von struppigen Büschen, die weichen kühlen Moose zogen mich an. Im Sonnenlicht tanzten Hänsel und Gretel, sie hatten sich verirrt, die Hexe lag schon auf der Lauer. Ich rannte rasch zurück, unter dem blauen Himmel schwand der leichte Schauder.

          Was haben Sie als Kind am liebsten gemacht?

          Mauritz Scheib: Draußen sein, mit Freunden am Kanal, im Schlosspark oder in den Straßen. Ab zwölf sind wir BMX gefahren. Wir fanden eine verlassene Motocross-Bahn mit Schanzen und Steilkurven an der Isar. Da tobten wir uns jeden Tag aus.

          Was haben Sie als Kind am liebsten gemacht?

          Asta Scheib: Ich war meistens mir selbst überlassen. Der Krieg hatte meine Eltern entzweit. Mein Vater, von mir vergöttert, kam nicht zu uns zurück. Meine Mutter verdiente in einem Büro Geld für uns. Mein Bruder, fünf Jahre älter als ich, tauschte den Schmuck und die Festkleider meiner Mutter gegen Lebensmittel ein. Ich saß auf meinem Bett und las. Und ich sehe mich auf einem dicken Stein vor unserem Haus sitzen und warten. Trostloses, dumpfes, steinernes Warten.

          Was war als Kind Ihr größter Traum?

          Mauritz Scheib: Die ganze Welt bereisen! Es gibt so viele schöne Orte und Kulturen, ich wollte sie alle sehen. Darum studiere ich auch Tourismusmanagement, weil ich herumkommen will in der Welt.

          Wo sind Sie aufgewachsen?

          Asta Scheib: In Bergneustadt, einer damals zauberhaften Kleinstadt, in der sich alle Leute kannten. Wir hatten einen Baggerstausee, in dem wir nicht schwimmen durften. Wir taten das trotzdem, und jedes Mal erschien ein Polizist mit seinem Schäferhund und drohte, uns anzuzeigen. Ich bin vor Lachen einmal fast ertrunken. Unsere kleine Stadt war auch eine Art Gefängnis, das spürte ich bald. Kein Ende mit dem Getuschel. Die katholische Kirche mit ihrer rigiden Sexualmoral brachte uns zur Verzweiflung. Unser Pfarrer geißelte jede körperliche Annäherung vor der Ehe. Zu meiner Verblüffung bekam ich einen meiner ersten Küsse von ihm. In der Pfarrbibliothek.

          Was war als Kind Ihr größter Traum?

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