https://www.faz.net/-gqz-77gct

Fotobuch der Woche : Zu Besuch bei einem Freund

Bild: Benjamin Katz

Benjamin Katz und Georg Baselitz kennen einander lange und genau. Nun zeigt der Fotograf den großen Künstler bei der Arbeit - und bei ausgelassenen Blödeleien.

          3 Min.

          Benjamin Katz hätte man erfinden müssen: als die zentrale Figur eines Epochenromans über die Kunst nach dem Zweiten Weltkrieg und ihren sensationellen Aufstieg gerade in Deutschland. Als ein gewitztes Männlein. Umtriebig, raffiniert und dabei von einer Güte, die ihm alle Herzen öffnet und ebenso alle Türen, was er dank der Gabe, sich gleichzeitig an verschiedenen Orten aufhalten zu können, auch reichlich ausnutzt. Trotzdem übersehen ihn die Besuchten am Ende dann doch.

          Freddy Langer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Denn er besitzt auch die Fähigkeit, wie unter einer Tarnkappe zu verschwinden. Und so schleicht er durch Ateliers und Galerien, Museen und Bars und all die anderen Orte, an denen man Malern, Bildhauern und Filmemachern begegnet, und schaut einfach nur sehr genau hin. Ohne Häme oder Arroganz. Aber auch ohne falsche Bescheidenheit.

          Seine Fotos erzählen eine Epoche

          Doch Benjamin Katz muss man nicht erfinden - das hat er selbst getan. Zur Welt kam er 1939 in Antwerpen, wohin seine Eltern vor dem Nazi-Regime geflohen waren, später studierte er Gebrauchsgrafik in Berlin, dann wurde er Galerist, noch später Fotograf, und von Ende der siebziger Jahre an waren er und sein Fotoapparat aus der Kunstszene Deutschlands nicht mehr wegzudenken. Vom Aufbau selbst der allergrößten Bilderschauen bis zu den nächtlichen Debatten in den allerkleinsten Kneipen war Katz immer dort, wo Künstler die Welt durchmessen, erklären, zerlegen, verrätseln, wo sie von Zweifeln geplagt werden und von Hochstimmung überwältigt.

          Mehr als dreihunderttausend Aufnahmen hat er im Laufe von fast vier Jahrzehnten gemacht. Es ist das vermutlich umfangreichste Archiv der zeitgenössischen Kunst. Wollte man es einen Epochenroman nennen, wäre Benjamin Katz freilich weniger die zentrale Figur als der auktoriale Erzähler.

          Vom Kunstfreund zum Freund der Künstler

          Das Gerüst der Geschichte hat Katz in kaum noch überschaubaren Ausstellungen und in kiloschweren Büchern immer wieder überarbeitet, mit Tausenden von Bildern. Seit einigen Jahren folgen, was man Fußnoten nennen könnte oder eigene Kapitel - Einschübe unter der Dachzeile „Dramatis Personae“. Kleine Bücher etwa über A. R. Penck und Antonius Höckelmann, über Lawrence Weiner und Antony Gormley und zuletzt in der eigenen Reihe „At Work“ Bände über Gerhard Richter und dieser Tage Georg Baselitz - mithin die erfolgreichsten Künstler unserer Zeit.

          Und Katz? Der bleibt sich treu, zeigt Herz und Respekt, aber erstarrt nie vor Ehrfurcht. So lange ist er im Betrieb unterwegs, dass aus dem Kunstfreund lange schon ein Freund der Künstler geworden ist. Mit Georg Baselitz ist er seit den fünfziger Jahren bekannt, als sie sich in Berlin an der Hochschule für Bildende Künste über den Weg gelaufen sind. „Ich hatte das Gefühl“, sagt Katz heute über Baselitz, der damals gerade die DDR verlassen hatte, „er kam von einem anderen Planeten.“ Aber was Baselitz alles anstellte, um unbedingt anders zu sein, wie er neurotisch verletzlich war und zugleich sehr zielbewusst, das hat Katz so eingenommen, dass er ihm 1963 eine Ausstellung in seiner gemeinsam mit Michael Werner gegründeten Galerie ausrichtete.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Fünf Tote in Trier : Mutmaßlicher Amokfahrer muss vor Haftrichter

          Einen Tag nach der schrecklichen Amokfahrt in Trier entscheidet die Staatsanwaltschaft, ob sie für den festgenommenen Autofahrer Untersuchungshaft oder eine Unterbringung in der Psychiatrie beantragt. Fünf Menschen wurden am Dienstag in der Innenstadt getötet.
          Fragwürdige Ehrung: „Ahnengalerie“ im Bundesarbeitsgericht in Erfurt

          Frühere Bundesrichter : Tief verstrickt in NS-Verbrechen

          Das Bundesarbeitsgericht hat seine Vergangenheit nie aufarbeiten lassen. Jetzt zeigt sich: Etliche seiner Richter hatten in der NS-Zeit Todesurteile zu verantworten oder sich auf andere Weise schwer belastet.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.