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Fotobuch der Woche: Gordon Parks : Im Teufelskreis der Verzweiflung

Künstler mit sozialer Botschaft: Gleich sechs opulente Bildbände, zu Ehren seines hundertsten Geburtstages im letzten Jahr, versammeln die erschütternden Reportagen des großartigen amerikanischen Fotojournalisten Gordon Parks.

          Über Gordon Parks ist alles gesagt. Dafür hat er selbst gesorgt: mit einer mehrbändigen Autobiographie, die er bis zu seinem Tod im Jahre 2006 immer wieder ergänzt hat und deren erster Teil, „The Learning Tree“, in Amerika eine Zeitlang zur Pflichtlektüre in den Schulen gehörte. Sie wurde 1969 sogar fürs Kino verfilmt - von ihm selbst.

          Freddy Langer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Gordon Parks ist ein Vorbild. Gordon Parks war ein Star. In den Straßen New Yorks, hat er bei Gelegenheit erzählt, hielten ihn die Passanten an und fragten, ob sie ihn berühren dürften. Aber selbst in ländlichen Regionen sollen die Menschen erstaunt ihre Augen aufgerissen haben, wenn er zufällig an deren Türe klopfte, weil er sich mit dem Auto verfahren hatte. Und woher der Ruhm? Wieso all die Aufmerksamkeit? Vielleicht, weil das Leben Gordon Parks’ mit jedem Schritt, den er tat, noch ein wenig unglaubwürdiger wurde, er aber bei alledem nie seine Liebenswürdigkeit verloren hat. Niemand, der ihn traf, der nicht als Erstes seinen entwaffnenden Charme und sein schon fast aristokratisches Auftreten erwähnte. Und keiner, der nicht sein Wissen in allen Feldern hervorhob, weshalb keine Umschreibung für ihn häufiger zu lesen ist als der Begriff „Renaissance-Mensch“. Dabei hätte alles anders kommen können, nein: müssen. Auch das hat nicht unerheblich zu seinem Ruhm beigetragen.

          Gordon Parks kam 1912 in Kansas zur Welt, als fünfzehntes Kind einer Bauernfamilie - einer schwarzen Bauernfamilie. Was ihm die Eltern mit auf den Weg gaben, waren eherne Lebensregeln. Dann starben sie. Viel zu früh. Und der Junge musste sehen, wie er sich durchschlug. Mit Gelegenheitsjobs zunächst, als Barpianist später, dann als Schlafwagenschaffner bei der Bahn, als Basketballspieler zwischendurch - sogar bei den Harlem Globetrotters. Noch später war er Dichter, Romancier, Komponist und Hollywood-Regisseur, dem mit seinem Film um den schwarzen Detektiv „Shaft“ 1971 ein großes Stück Kino gelang.

          Von Gordon Parks aber war noch nicht alles gezeigt. Dabei ist er bis heute am bekanntesten als Fotograf. Noch angestellt bei der Bahn, hatte er sich bei einem Pfandleiher eine Kamera gekauft - und damit immer wieder an Türen geklopft: Ende der dreißiger Jahre bei Madeleine Murphy, der Besitzerin eines eleganten Modehauses in St. Paul, 1942 bei Roy Stryker, dem Leiter einer Fotografieabteilung der amerikanischen Regierung in Washington, 1948 bei William Hick, dem Bildredakteur der Illustrierten „Life“ in New York. Stets erhielt er prompt einen Auftrag, immer erfüllte er ihn auf eigene, frische Art. Schon bald artikulierte er sich in Themen, an denen seine Kollegen verzweifelt waren, und fand Zugang zu Kreisen, die sich anderen Fotografen konsequent verschlossen hatten.

          Zufällig schwarz

          Etliche seiner Bilder haben Ikonenstatus erreicht. Aber viele seiner Bilder sind mit den Heften, in denen sie publiziert worden sind, im Altpapier verschwunden. Umso überraschender, packender, bewegender ist das OEuvre, das sich nun in gleich sechs opulenten Bänden buchstäblich aufblättert - als Ehrung zu seinem hundertsten Geburtstag im vorigen Jahr. Vielleicht aber auch gerade jetzt, weil die besten Fotoreportagen heute an Museumswänden hängen und zwischen Buchdeckeln veröffentlicht werden - und eben nicht mehr in Hochglanzmagazinen. Parks hätte das gefallen. Zeitlebens verstand er sich als Künstler; „ein Künstler, der zufällig schwarz ist“, wie er sagte.

          Ästhetisches Vermögen allein freilich war ihm nicht genug. Parks hatte eine Vision, deren letztes Ziel das Ende von Armut und Rassismus war. Deshalb begleitete er Straßengangs in New York, Black Muslims in Chicago und Black Panther in Kalifornien, fotografierte den Alltag in den Südstaaten dort, wo er noch von der Rassentrennung bestimmt war, tauchte ein in die Demonstrationen und Aufmärsche der Bürgerrechtsbewegung oder lebte in den späten sechziger Jahren mit der Familie eines Arbeitslosen in Harlem, deren Wohn- und Lebensverhältnisse sich in Worte kaum fassen lassen.

          Glanz und Elend

          Was er zeigt, ist eine Welt, in der sich Armut und Frustration immer wieder in Gewalt entladen, und was ihn leitet, ist der Wunsch, einen fast zwangsläufig entstehenden Teufelskreis plausibel zu machen: „The Cycle of Despair“ hieß eine seiner Reportagen, für die er auch gleich den Text beisteuerte. Sein Engagement blieb nicht ungehört. Doch sorgten ausgerechnet die Massenspenden, die auf solche Beiträge folgten, mitunter wiederum für Unheil.

          Parks’ sozial-dokumentarischer Ansatz steht im Zentrum der sechs Bücher, die von der Gordon Parks Foundation aus einem schier unüberschaubaren Fundus zusammengestellt wurden. Doch sind die Reportagen, von denen Dutzende auch im originalen Layout zu sehen sind, eingebettet in Parks’ Experimente mit abstrakter Farbfotografie, seine Modestrecken aus Paris und die vielen Porträts, die er für „Life“ von Künstlern, Sportlern und Politikern aufgenommen hat. Und es ist erst diese Gleichzeitigkeit von Glanz und Elend, die sein Werk jetzt zu einer überwältigenden Sozialgeschichte Amerikas nach dem Zweiten Weltkrieg macht. Manche Missstände offenbaren sich dabei wie nebenbei: etwa im Leben von Ella Watson, die trotz ihres Highschool-Abschlusses in Washington nur eine Stelle als Putzfrau fand. Und es entbehrt nicht bitterster Ironie, zu sehen, dass in der Novemberausgabe von „Life“ ausgerechnet die Bildgeschichte über Blutvergießen und Tod in den Straßen von Harlem unterbrochen wird von der ganzseitigen Anzeige für eine Schallplatte mit Weihnachtsliedern: „Hour of Charm“.

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