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Fotobuch der Woche : Die im Dunklen sieht man doch

Seit mehr als dreißig Jahren holt der schwedische Fotograf Anders Petersen Verborgenes ans Tageslicht. Tabuzonen großer Städte sind sein liebstes Revier. Nun war er in Soho unterwegs.

          3 Min.

          Wer Petersen sagt, denkt „Café Lehmitz“. Das ist bis heute so - mehr als dreißig Jahre nachdem Anders Petersens Fotoband erschienen ist, ein schmales Buch über das Nachtleben in einer Stehbierhalle am Ende der Reeperbahn. Entstanden waren die Aufnahmen im Laufe von mehr als zwei Jahren, die Petersen Nacht für Nacht zwischen jenen verbracht hatte, für die das karg eingerichtete Lokal eine Art Endstation gewesen ist: letzte Anlaufstelle der Nacht und vielleicht auch die letzte Anlaufstelle im Leben.

          Freddy Langer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Es war ein kauziges Völkchen aus Prostituierten und Kleinkriminellen, Zuhältern, Strichern und Handlangern, das sich dort Ende der sechziger Jahre wie zum großen Familienfest traf, keiner von ihnen besonders erfolgreich in seinem Beruf. Man trank, man tanzte, man schmuste, und manche der Gäste rutschten im Laufe der frühen Morgenstunden immer tiefer unter den Tisch. Kein Gesicht, in das sich die Spuren des Lebens nicht tief eingegraben hätten. Spuren der dunklen Seite des Lebens. Und doch herrschte in dem Treiben zwischen Tresen und Spielautomat zur Musik von Freddy Quinn eine seltsame, fast möchte man sagen: ansteckende Lebensfreude.

          Über die Grenze der Intimität hinweg

          Anders Petersen, schwedischer Student aus gutem Hause, war nach Hamburg gekommen, um Deutsch zu lernen. Die Neugierde hatte ihn auf die Reeperbahn geführt, der Zufall ins Café Lehmitz - und es war wohl so etwas wie die Lust am Verbotenen, die ihn so lange dorthin führte, bis er Teil dieser Gruppe wurde, selbst Stammgast war, beliebt nicht zuletzt gerade wegen seines Fotoapparats. So entstanden die Bilder dort keineswegs heimlich. Und eben daraus beziehen sie ihre Kraft, ihre Eindringlichkeit: durch den direkten Blick der Gäste ins Objektiv, mal heiter, mal leer, mal das Gesicht zur Fratze verzerrt - und wenn es einmal besonders toll zuging, zog manche ältere Dame vor Petersens Kamera den Pullover hoch oder die Hose herunter.

          Heute fällt es leicht, in diesen Bildern eine Art fotografischer Antwort auf den New Journalism zu sehen, jene Form ungezügelter, literarischer Berichterstattung in den Sechzigern, für die sich die Autoren hemmungslos in ihre Themen hineingeworfen haben. Und man könnte einen paradox anmutenden Begriff erfinden wie subjektive Dokumentation. Doch es dauerte bis zur Jahrtausendwende, bevor das Buch „Café Lehmitz“ zum Klassiker ausgerufen wurde und Petersen als Wegbereiter begriffen wurde etwa für Nan Goldin und ihre Schnappschüsse aus einem Freundeskreis von Drogenabhängigen und Aids-Infizierten. Da war er selbst längst noch tiefer in die Schattenseiten der Gesellschaft vorgedrungen und hatte in Gefängnissen, in psychiatrischen Anstalten oder in Altersheimen fotografiert - wiederum getrieben von dem Verlangen, ganz nah dran zu sein, Kontakte zu knüpfen bis über die Grenze der Intimität hinweg. Als Erstes, sagt Petersen, interessierten ihn die Menschen; als Zweites erst die Fotografie.

          Aufnahmen aus der nahen Anderswelt

          Seine Bilder wurden härter, seine Abzüge dunkler und körniger, die Motive bisweilen rätselhaft in ihrer Ausschnitthaftigkeit. Und Petersen begann, sie in Büchern nach der Logik des Traums zu sortieren. Nackte Leiber, kranke Gesichter und rätselhafte Szenen auf der Straße verknüpfte er zu surrealen Bildgeschichten, die den Betrachter gruseln machen. „French Kiss“ heißt einer dieser Bände, die erotische Komponente hervorhebend; und unter dem Serientitel „City Diary“ erschien im vorigen Jahr ein Bündel von zunächst drei Heften, deren roter Faden das Reisen ist, auch hier in eine verführerisch bedrohliche Welt, in der Gewalt und Wahnsinn nie fern zu sein scheinen.

          Umso erstaunlicher ist es, dass Anders Petersen immer wieder Einladungen erhält, bestimmte Städte zu besuchen, um für kleine Ausstellungen oder Sammelbände zu fotografieren, nach Okinawa etwa, Rom und Paris, St.Étienne und Groningen, fast so, als erwarteten sich die Kunsthallen und Museen dort einen gewissen Nervenkitzel aus der Anderswelt ihrer nächsten Umgebung, des „subkutanen Hinterlands“, wie Brett Rogers sagt, der Direktor der Photographer’s Gallery, der Petersen für einen Monat in den Londoner Stadtteil Soho geholt hat. Anders Petersen ist ihr Mann, um Verborgenes ans Tageslicht zu holen.

          Die Soho-Bilder sind nun als Buch erschienen. Es sind Aufnahmen aus Bordellen, Absteigen und Schnellimbissrestaurants, teils geprägt von aggressiver Erotik, teils von herzzerreißender Traurigkeit. Natürlich schimmern, gleichsam als Wasserzeichen, die alten Beobachtungen im Café Lehmitz durch die Bilder hindurch, wenn hier ein ins Rentenalter gekommener Transvestit mit einer Fuhre Schmuck und Schminke den ausgemergelten Körper überlädt oder eine junge Schwarze eigens für den Fotografen nicht ungeschickt an ihrem Dekolleté nestelt. Doch überzeugt das Buch nicht mehr durch das, was die Sozialanthropologie teilnehmende Beobachtung nennt - Anders Petersen gehört nicht mehr dazu, und er nimmt den Betrachter auch nicht länger mit in die Tabuzonen der Gesellschaft. Vielmehr kommt er mit geradezu ikonisch aufgeladenen Fotografien zurück wie von einer Pirsch und präsentiert sie nun stolz wie eine Beute.

          Längst hat Anders Petersen mit der Radikalität seiner ungewöhnlichen Perspektiven, der unkonventionellen Kompositionen und einer mitleidlos harten Abzugstechnik eine eigene wie eigenwillige Bildsprache entwickelt. Und man staunt, wie es ihm gelingt, mit diesem Tonfall jeden beliebigen Ausschnitt der Welt zu seinem eigenen zu machen: von der skurrilen Schaufensterauslage über Porträts bis zur Tätowierung auf einem Rücken. Die Aufmerksamkeit freilich gilt nicht länger den Motiven, sondern den Bildern selbst. Anders Petersen ist endgültig in der Kunst angelangt.

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