https://www.faz.net/-gqz-7h93k

Filmfest in Venedig : Der fünfte Espresso zur vierten Premiere

  • -Aktualisiert am

So wenige Meisterwerke

Italien hat nunmal kein Geld derzeit, das hätte man angesichts der ewigen Baustelle des Lagunendeiches „Mose“, den man mit etwas Spürsinn draußen im Meer vor dem Lido vor sich hin rosten sieht, schon vor dem Ausheben der Baugrube ahnen können. Und beim Trauerspiel „Mose“ geht es immerhin um die Rettung Venedigs vor den Fluten und nicht um ein noch so schönes, aber irgendwie lässliches Filmfestival. Ob die Experten vom Moses-Deich die Baugrube vor dem nächsten Festival wohl fluten sollten, damit hier Fische und Muscheln Lebensraum finden und Wasservögel im Schilf brüten, wenn im Frühling der Lido noch in idyllischer Verschlafenheit daliegt? Ich habe das lieber nicht vorgeschlagen, denn gerade in der Wirtschaftskrise sind die Italiener besonders gefühlig für Spott aus Deutschland.

Die Stars verglühen, die Wassertaxis bleiben: George Clooney und Sandra Bullock in Venedig

Dabei waren Krisen eigentlich immer die besten Zeiten fürs Kino. Die genialen Schwarzweißkrimis der „Schwarzen Serie“ entstanden im Amerika von Depression und Krieg. Und die goldene Zeit des italienischen Cinema war ausgerechnet der Neorealismo der bitter armen Nachkriegsjahre. Doch heute scheint die Euroflaute dem Kino und auch dem Festival nicht besonders gutgetan zu haben. So wenige Meisterwerke unter so vielen Werken. Ob das Filmemachen in Europa zu teuer geworden ist? Oder ob die Ideen ausgingen und erst wieder neue Genies nachwachsen müssen? Paolo Sorrentino jedenfalls, der aktuell genialste Filmemacher Italiens, hat „La grande bellezza“ - seine feinsinnige und bildmächtige Hommage an Fellinis „Dolce Vita“ und die morbide Schönheit Roms lieber im Frühling in Cannes präsentiert. Vor dreizehn Jahren, als ich das erste Mal am Lido die Festspiele mitmachte, war Sorrentino noch ebenso unbekannt wie sein nicht minder genialer Hauptdarsteller Toni Servillo, der für seine Fans der legitime Erbe von Marcello Mastroianni ist. „L’uomo in più“ handelte von Fußball und Schnulzenmusik und Camorra in Neapel und ist immer noch einer der besten italienischen Filme, die ich je am Lido gesehen habe. Leider ist das Werk völlig vergessen, und was dieses Jahr so geboten wurde, kann sich mit Sorrentino leider nicht messen.

Die zickige Scarlett

Dass die Filmfestspiele von Venedig an internationaler Bedeutung von Cannes und Berlin abgehängt wurden und nun mühsam mit den fast zeitgleichen Projektionen in Toronto wetteifern, munkelt man schon länger. Wenn abends bei den Premieren die Autogrammjäger und die Fans vor dem Roten Teppich stehen, wenn die Blitzlichter aufscheinen und Fernsehkameras das Spektakel einfangen, ist aber immer noch eine Menge los. Solche Festspiele sind vor allem Werbeveranstaltungen und schaffen sich ihre Öffentlichkeit notfalls künstlich. Ein Beispiel: als Schauspieler ist der junge Brite Daniel Radcliffe diesmal nicht sonderlich aufgefallen, doch weil er in einem pubertären Vorleben den Harry Potter fürs Kino interpretiert hat, sind jetzt tausende erstaunlich spätpubertäre Mädchen ganz wild auf seine Präsenz. Eine Autogrammstunde mit Radcliffe im einzigen Warenhaus von Venedig gleich bei der Rialtobrücke war ein voller Erfolg, aus verkehrstechnischen Gründen aber eine Katastrophe: Ab nachts um drei kampierten weibliche Fans vor der Tür des Warenhauses, gegen Vormittag war die Stadt an dieser wichtigen Stelle nicht mehr zu passieren, die Schlange reichte bis auf die Rialtobrücke. Da war sie dann wieder ganz kurz - diese mondäne Stimmung von den Rai-Trailern von 1953 oder 1958, als Burt Lancaster oder Elisabeth Taylor die Lagune mit Glamour fluteten. Heute muss man eben mit einem ausgewachsenen Harry Potter zufrieden sein.

Weitere Themen

Topmeldungen

Laut einem Zeitungsbericht vertagt Volkswagen die Entscheidung über ein Werk in der Türkei.

Bericht: : VW vertagt Entscheidung über Werk in der Türkei

Ursprünglich hatte VW der Türkei einen Vertragsabschluss über das Werk für Oktober in Aussicht gestellt. Aufgrund der Invasion türkischer Truppen im Norden Syriens könnte der Deal möglicherweise platzen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.