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Filmfest in Venedig : Der fünfte Espresso zur vierten Premiere

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Vor allem in Schwarzweiß und mit sinfonischer Untermalung bekommt das cineastische Tun, das an so einem Morgen zwischen Müllwagen und Strand gerade noch so prosaisch wirkte, echten Breitwandglanz: Die Frauen tragen taillierte Abendkleider, weil sie um 1950 noch runde Hüften hatten und sich das wunderbar leisten konnten. Und die Männer auf diesen Filmchen heißen Fellini oder Rossellini oder De Sica, sehen ebenfalls umwerfend aus und tragen durchweg weiße Smokings. Ich stelle mir vor, ich würde bei den Filmfestspielen - wenn ich denn einen besäße - einen solchen weißen Smoking anziehen, am besten in der Morgenvorstellung. Ob man mich wohl abtransportieren würde? Eher wohl hielte man mich für einen Kellner von einem der wenigen ganz guten Restaurants am Lido, der sich verlaufen hat. In den sinfonischen Rai-Filmchen werfen mir die Lollobrigida und die Loren und so erschreckend viele schöne Sternchen, aus denen später nichts geworden ist, Kusshände zu und springen in dieselben Wassertaxis, die 2013 einen George Clooney oder eine Scarlett Johansson antransportieren. Einige Konstanten muss es einfach geben.

Die ewige Baugrube

Wenn ich irgendwann mittags den dritten Espresso - wenn die Filme sehr langweilig waren auch den vierten - in einer herrlichen Bar direkt gegenüber vom Casino-Palast einwerfe und auf den belebten Strand voller fröhlicher, trainierter italienischer Jugendlicher blicke und mir etwas neidisch ihren langen Sommer voller Ballspiele und Flirts und ohne lästige Bücher und ohne komplizierte Gedanken vorstelle - dann schaue ich mich gerne um. Viele Journalisten aus aller Herren Länder - Chinesen, Brasilianer, Franzosen, Österreicher, Spanier, Japaner - sitzen da ebenfalls und wirken gewöhnlich, wenn sie nicht mit habitueller Wichtigkeit ihre diversen Digitalschirme und Computertelefone bedienen, als wären sie sehr zufrieden mit ihrer Berufswahl: Ein Arbeitstag zwischen schlimmstenfalls langweiligen, bestenfalls bewegenden Filmpremieren und dieser Mittagspause am Mittelmeer - das macht was her. Was die meisten nicht wissen: Dieser herrliche Strandpavillon wird schon ab Sonntagabend hektisch wieder abgebaut, damit kein Venezianer oder Tourist auf die Idee kommt, die großartige Location zu nutzen. Nach dem Festival ist der Lido wieder eine öde Sommerstrandinsel, auf der es kompliziert wird, mit Blick aufs Meer auch nur einen lauwarmen Espresso oder eine lauwarme Pizza zu genießen. Haben Italiener keinen Sinn für die philosophische Einkehr mit Blick in die Weite? So muss es wohl sein.

Das macht was her: Venedig unterm roten Teppich

Dafür haben sie ungemein großen Sinn für Stil und Schönheit. Das schwer übersehbare Bauloch des geplanten Filmpalastes direkt an der Strandstraße und neben dem Casino haben sie daher nach allen Regeln der Kunst mit bunten Stellwänden und Transparenten verhängt, damit keiner die nahe liegende Frage stellt: Warum müssen viele Tausend Leute ausgerechnet während der Filmfestspiele um diese hässliche Lücke herumlaufen? Wann wird der Filmpalast endlich gebaut? Wann kann das Gelände der Filmfestspiele, das vor ein paar Jahren noch so idyllisch war, wieder begangen werden? Auf solche Fragen möchten nicht einmal die Verantwortlichen von der Biennale antworten, denn sie haben selber keine Vorstellung, wie es weitergeht. Die Verantwortung für die unfertige Grube, sagen sie, liege bei der Stadt Venedig. Irgendwann gehe es weiter, hoffentlich schon kommendes Jahr. Das haben sie schon letztes Jahr gesagt. Doch hat mir der Präsident der Biennale in einem Interview vor ein paar Wochen anvertraut, dass er keine Hoffnung mehr auf einen hyperpostmodernen Fimpalast mehr sieht und lieber die bestehenden Strukturen modernisiert: Bestuhlung, Sound, Leinwände, Projektoren.

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