https://www.faz.net/-gqz-7kn6t

Filmemacher Romain Gavras : Wie man Musikvideos politisiert

Szene aus dem Musikvideo „Stress“ Bild: Romain Gavras

Die Musikvideos des französischen Regisseurs Romain Gavras sind kleine Kinofilme voller provokativer Gewalt und versteckter Anklage. Ein Videoporträt.

          4 Min.

          Ein gepanzerter Transporter auf dem Weg durch die Steppe. Vorne paramilitärische Einheiten mit Maschinengewehren, hinten ein Haufen zusammengewürfelter Jugendlicher, die nassgeschwitzt vor Angst auf ihren Sesseln kleben und vor allem eine Sache gemeinsam haben: rote Haare. Der Transporter hält in einem Lager, umgeben von Maschendrahtzaun. Dort stehen weitere paramilitärische Einheiten, ockergrüne Militärzelte, Schäferhunde sind zu sehen. Am Zaun baumelt, fast unscheinbar, ein Warnschild: Vorsicht, Minen.

          Morten Freidel

          Redakteur in der Politik.

          Spätestens jetzt wird auch dem hartgesottensten Zuschauer der Atem stocken. Denn wenn man bis hierhin gekommen ist, wenn man die ersten fünf Minuten dieses Videos gesehen hat, die unglaubliche Brutalität, mit der die Paramilitärs einen Wohnkomplex gestürmt, dort alle Rothaarigen festgenommen und in den Bus gepfercht haben, dann weiß man nicht nur, dass die Geschichte nun die schlimmstmögliche Wendung nehmen wird. Man ahnt auch, dass diese Kamera alles mit gnadenlosem Blick aufzeichnen wird. Und während man sich noch mit flüchtigen zivilisatorischen Gedanken zu beruhigen sucht – dass das ja eigentlich alles nicht sein kann, dass das ja nur ein Musikvideo ist – entfaltet sich auf dem Bildschirm die rohe Gewalt.

          Romain Gavras

          Mit seinem Musikvideo zu „Born Free“ von M.I.A. hat der französisch-griechische Regisseur Romain Gavras vor drei Jahren einen Skandal in der Netzwelt ausgelöst. Youtube sperrte es zunächst, angeblich wegen der ausufernden Gewalt, aber wohl doch eher, weil auf den Uniformen der paramilitärischen Täter übergroße amerikanische Nationalflaggen prangen. Später wurde es für Zuschauer ab 18 Jahren freigegeben, gekürzt um zwei besonders harte Szenen. Obwohl Romain Gavras erst 32 Jahre alt und seit fünf Jahren richtig im Geschäft ist, lässt sich „Born Free“ bereits als Klassiker der Netzgemeinde und vorläufiger Höhepunkt seiner Karriere bezeichnen.

          Abseits der Brutalität aber ist Gavras vor allem ein Meister der Milieustudie. Mit hartem, ehrlichem Blick für die Umgebung und einem milden Blick für die Protagonisten, die sich in ihr zurechtfinden müssen. Das Video zu „I believe“ (2007) von Simian Mobile Disco zeigt ein rumänisches Zigeunerdorf, eingezwängt zwischen Wüste und Strommasten. Aber die Kamera verweilt auf den Gesichtern der Menschen, die trotz der wettergegerbten Haut Stolz und Zuversicht ausstrahlen. Eine alte Frau wirft in Zeitlupe sonnendurchflutete Laken über die Wäscheleine, Jugendliche laufen über das Feld wie durch ein Paradies.

          Hoffnung kommt von unten: Romain Gavras Musikvideo zu „I believe“ (2008) von Simian Mobile Disco

          Wo Gavras diese Bilder mit Geschichten verknüpft, kann man sich seinem Sog kaum entziehen. In „Signatune“ wacht Schauspieler Olivier Barthelemy, mit dem Gavras schon häufiger zusammengearbeitet hat, in einer Wohnung voller Geschmacklosigkeiten aus den neunziger Jahren auf: an der Wand das abgegriffene Poster eines getunten Wagens, auf der Bettdecke ist ein Schimmel eingewebt, überall stehen Pokale. Der Held beginnt sein Workout im Slip. Er verabschiedet sich von den Eltern, die ihrem doch schon ziemlich groß gewordenen Jungen bei eine Tasse Tee die Haare kraulen, und steigt in ein oberflächenpolierten Honda Civic. Alles steht zu erwarten: ein Boxkampf, vielleicht eine Schießerei mit einer verfeindeten Gang, aber nicht unbedingt ein Tuning-Wettkampf irgendwo in Nordfrankreich. Das ist sehr witzig. Denn Gavras portraitiert alle Beteiligten mit einem tief in die Bilder eingeschriebenen Verständnis.

          Das Musikvideo zu „Signatune“ (2011) des inzwischen verstorbenen DJ Mehdi

          Gavras, Sohn von Costa-Gavras, der in den sechziger und siebziger Jahren das Genre des Politthrillers mitprägte, hat von seinem Vater den politischen Blick geerbt. In „Z“, Costa-Gavras wohl bekanntestem Film aus dem Jahr 1969, der die Errichtung einer fiktiven Militärdiktatur zum Thema hat, wird gleich zu Beginn darauf hingewiesen, dass die „Übereinstimmung mit Personen und wahren Ereignissen“ gewollt ist. So kam zwei Jahre nach dem griechischen Militärputsch niemand auf die Idee, nicht an Griechenland zu denken. Ähnlich der Sohn, der in „Born Free“ ebenfalls eine fiktive und politisch verfolgte Minderheit konstruiert, die allerdings sehr konkret von Amerikanern gejagt wird.

          Weitere Themen

          Irgendwas mit Internet

          Traumberuf Youtuber : Irgendwas mit Internet

          270.000 Menschen folgen dem Kanal von Youtuber Yosuto. Mit jedem Klick verdient er Geld, eine Faustregel sagt: 10 Dollar für 1000 Aufrufe. Viele denken: Traumkarriere, sowas kann ich auch. Ein Irrtum!

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.