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Eugen Ruges Reisetagebuch : Das griechische Orakel

  • -Aktualisiert am

Blick auf das historische Dionysos Theater von der Akropolis gesehen, im Hintergrund das neue Akropoli-Museum Bild: Lüdecke, Matthias

Trotz Krise ist Griechenland noch immer ein starkes und magisches Land. In Auszügen aus seinem Tagebuch schildert der Schriftsteller Eugen Ruge seine ganz persönlichen Begegnungen mit dem Volk der Hellenen.

          Eugen Ruge, Jahrgang 1954, wuchs in der DDR auf und siedelte 1988 in die Bundesrepublik über. Vor zwei Jahren wurde sein Roman „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ mit dem Deutschen Buch- preis ausgezeichnet. Seine Reisenotizen aus Griechenland bilden wir hier in gekürzter Fassung ab.

          Erster Tag

          THESSALONIKI

          Zum Auftakt, im Flugzeug, lese ich in der Zeitung, dass die zyprische Regierung unter dem Druck des IWF und der EU beschlossen habe, alle, auch kleine Sparguthaben, mit einer Abgabe zu belegen - zur Rettung des Bankensystems. Geldautomaten gesperrt. Aufstand in Zypern. Der Unmut wächst, vor allem gegen die Deutschen.

          Thodoris holt uns am Flughafen ab. Zwölf Grad, leichter Regen. Ernüchternder erster Eindruck. Brutaler Autoverkehr zwischen Sechziger-Jahre-Bauten. Nur selten taucht eine würdige alte Stadtvilla auf - meist schon im Verfall.

          Thodoris eröffnet uns, dass er am Nachmittag zu einer kleinen Feier mit Freunden geladen ist: Ob wir ihn nicht begleiten wollen. Heute sei „Reiner Montag“, so heißt es in der orthodoxen Kirche. Man stimmt sich auf die Fastenzeit ein.

          Zwei junge Frauen holen uns mit dem Auto ab. Das Restaurant ist irgendwo draußen auf dem Land. Wir irren eine Weile zwischen Feldern umher (es sind Reisfelder, so wird uns erklärt). Waten schließlich mit unseren Sommerschuhen durch den Matsch zu einer Baracke, aus der dünner Rauch aufsteigt.

          Und plötzlich: Griechenland! Große Gesellschaft an einer langen, bacchantischen Tafel. Gesang, Gitarre, eine Bouzouki: Rembetico heißt die Musik der vertriebenen Schwarzmeergriechen, in der die ewige Sehnsucht und das ewige Verlorensein aufgehoben ist. Man gießt uns Retsina ein, schiebt uns eine Platte mit frittierten Bakaliaros hin (Stockfisch), prostet uns zu, noch vom äußersten Ende der Tafel. Ein alternder Achill mit abstehenden Haaren setzt zum Solo an, dann fallen die Frauen ein, beiläufig, aber mit einer Melancholie, die einen umhaut - während draußen vor dem riesigen Glasfenster der grüne Fluss fließt und fließt ...

          Wo kommt ihr her, die obligatorische Frage. Wir beantworten sie mit leichtem Unbehagen. Auf einmal können alle Deutsch: Auf die deutsch-griechische Freundschaft!

          Zweiter Tag

          THESSALONIKI

          Wir treffen uns mit Thodoris am Weißen Turm, dem Wahrzeichen Thessalonikis. Von hier aus gehen wir ins Zentrum, wo noch ein paar ältere, kleine Häuschen sich um die Markthalle herumducken. Hier finden wir einen Schuster, der mir meine Ledertasche repariert - für einen Euro.

          Übrigens ist Griechenland sonst gar nicht billig. Zwar, sagt Thodoris, seien die Mieten im Augenblick deutlich niedriger als in Deutschland. Aber für einen Cappuccino kann man schon mal vier Euro bezahlen. Thodoris trinkt übrigens immer Frappé, kalten, mit Milch geschäumten Nescafé. Ansonsten sind hier, wie überall auf der Welt, italienische Kaffeezubereitungsarten auf dem Vormarsch.

          Dritter Tag

          THESSALONIKI

          Nachricht am Abend: Das zyprische Parlament hat den Beschluss zur Belastung aller Sparguthaben gekippt. Die Kommunisten Griechenlands triumphieren: Seht ihr, das kleine Zypern bietet dem IWF und Merkel die Stirn, und ihr wart zu feige!

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