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Essay : Auf dem Jahrmarkt der Zeitdiagnosen

Die Zeitdiagnostik steht nicht still - und das kriselnde Wirtschafts- und Finanzwesen treibt sie zu ungeahnten Höhen Bild: Bergmann, Wonge

Die Unhaltbarkeit von Zeitdiagnosen ist schon fast ein wissenschaftliches Gesetz. Wer sich dennoch auf dem Jahrmarkt der Epochenumbrüche behaupten möchte, muss eine Reihe argumentativer Kniffe beherrschen.

          In wie vielen Epochen haben Sie schon gelebt? Und wie würden Sie die Epoche nennen, in der Sie derzeit leben? Das sind keine Fragen an Vampire oder andere langlebige Existenzen. Wer dem Zeitgefühl der Gegenwart nachgehen möchte, kommt vielmehr selbst als Normalsterblicher um beide Fragen nicht herum, auch wenn sie sich schnell als unbeantwortbar erweisen. Denn die Zeitdiagnostik, wie sie sich in Sachbüchern und Essays, Leitartikeln und öffentlichen Vorträgen äußert, vermittelt uns seit gut einhundert Jahren den Eindruck einer raschen Abfolge zahlloser Epochenzäsuren. Ständig sollen sich gesellschaftliche Umbrüche ereignen, ständig heißt es „mehr sozialer Wandel war nie“, ständig wird verabschiedet, was soeben noch tragende Struktur der Gesellschaft gewesen sein soll: Familie, Staatlichkeit, Eigentum, Industrie, Religion.

          Die entsprechenden Zeitdiagnosen sind bekannt. Um nur einige davon aufzuzählen, kann man beispielsweise an Jeremy Rifkins „Verschwinden des Eigentums“ erinnern. Es wurde im Jahr 2000 konstatiert, als Beleg für diesen epochalen Wandel galten Rifkin die Zunahme von Leasingverträgen für Autos und das Internet. Fünf Jahre zuvor hatte Rifkin das Ende der Arbeit prognostiziert, eine Zäsur, die elf Jahre vorher der französische Sozialist André Gorz als „Ende der Arbeitsgesellschaft“ festgestellt hatte, was wiederum den Thesen der amerikanischen Soziologen Daniel Bell entsprach, der 1973 die postindustrielle Gesellschaft herankommen sah, nachdem ihm 1960 das „Ende der Ideologien“ aufgefallen war. Richard Sennett wiederum, der 1986 den „Verfall und das Ende des öffentlichen Lebens“ beschrieben hatte – natürlich wurde sein Buch trotzdem öffentlich diskutiert -, schloss sich den Diagnosen vom Ende der Arbeit 1998 insofern an, dass jedenfalls die gute, industrielle und (!) handwerkliche Arbeit im „neuen Kapitalismus“ verschwinde.

          Das Ende der Klassengesellschaft - offen

          Überhaupt, der Kapitalismus, er wandelt den Zeitdiagnosen zufolge ständig seine Gestalt. Fordistisch, postfordistisch, als Serviceökonomie und Bio-Kapitalismus, als Ursache einer Klassengesellschaft, aber auch einer Erlebnisgesellschaft oder einer Spektakelgesellschaft oder einer Gesellschaft von Ich-AGs oder, oder, oder … . Zwar hat man den deutlichen Eindruck, dass sich seit gut einhundert Jahren die Kombination aus Geldwirtschaft, Zentralbankensystem, Privatrecht, merkantilistischer Staatsräson und Sozialstaat als stabiles Muster hält, mit dem auch wir leben. Aber die Zeitdiagnostik entdeckt darin doch ständig Umbrüche, die ihr die Behauptung erlauben, es müsse über alles ganz neu nachgedacht werden.

          Wichtiger freilich als das Nachdenken ist für die Zeitdiagnose die heutige Wiederkehr dessen, was sie gestern verabschiedet hat. Man tut so, als sei bis gestern die Gesellschaft von Klassenkonflikten beherrscht gewesen, um dann mit Aplomb das Ende der Klassengesellschaft festzustellen, was die Möglichkeit eröffnet, zehn Jahre danach mit gespieltem Erstaunen ihre Wiederkehr zu behaupten.

          Ob sich währenddessen auf der Ebene der Tatsachen irgendetwas anderes geändert hat, als hier und da ein paar Prozent in der Einkommensverteilung, bleibt offen. Ob zunehmende Unterschiede in der Einkommensverteilung Klassenfragen neu aufwerfen, bleibt ebenfalls offen. Ob der Klassenbegriff sinnvoll ist und wie er, der an Produktionsmittelbesitz festgemacht wurde, sich zu Schicht, Milieu, Organisationsmitgliedschaft verhält (sind Unternehmensvorstände Produktionsmittelbesitzer?) - offen. Und ob all das Veränderungen in der Wirtschaft sind, oder ob sie die gesamte Gesellschaft betreffen – besonders offen.

          Verkaufen lautet das Stichwort

          Doch damit wir uns recht verstehen, undurchdachte Zeitdiagnosen sind kein Privileg der Wirtschaftsbeobachtung. Die Gesellschaft, in der wir leben, ist nämlich auch pornographisiert und moralisiert, postdemokratisch und bürgerbewegt, säkularisiert und von der Wiederkehr der Religion bestimmt. Wir haben in unserem kleinen Lebensabschnitt bewusster Gesellschaftsteilnahme zwischen 1972 und heute die Suburbanisierung und die Wiederentdeckung der Innenstadt erlebt, die von der Wiederentdeckung des Landlebens und der Neuwiederentdeckung der Innenstadt abgelöst wurde, woraufhin sich erneut die Landschaft meldete, während – als gerade das „Ende des Eigentums“ beschrieben wurde – die Immobilienpreise in den Städten wieder stiegen und die Zeitschrift „Landlust“ Rekordauflagen erzielte. Wären wir Zeitdiagnostiker, dann würden wir jetzt die „Gesellschaft des Einen und seines Gegenteils“ ausrufen und behaupten, bis vergangen Freitag habe es so etwas nicht gegeben. (Band Zwei der Diagnose würde dann unter dem Titel „Die Wiederkehr der Eindeutigkeit“ publiziert bzw. verkauft).

          Verkaufen ist hier ein gutes Stichwort. Denn die Struktur der zeitdiagnostischen Rhetorik ist als Technik, um Aufmerksamkeit zu erzeugen, nicht einmal auf die Behauptung angewiesen, es ändere sich etwas fundamental. Es genügt vollkommen, erst etwas Schlimmes zu behaupten, um dann die offenkundige Abhilfe anzubieten. Zuletzt hat das noch einmal der Psychiater Michael Winterhoff bewiesen, der den Eltern zunächst ein Buch mit der Erklärung „Warum unsere Kinder zu Tyrannen werden“ andrehte, um danach eines mit dem Titel „Tyrannen müssen nicht sein“ auf den Markt zu werfen. Das Jahrmarktsschema des Billigen Jakob ist deutlich. Es ist ganz schlimm, ausweglos gar, aber, denkt mal an, ich hab einen Ausweg! In diesem Sinne war auch der Titel Jeremy Rifkins zu lesen, „Das Ende der Arbeit und ihre Zukunft“. Oder die Diagnose vom „Ende der Geschichte“, mit der Francis Fukuyma 1992 von sich reden machte, in der die Welthistorie als zwangsläufige Abfolge hin zu einem alternativlosen Zustand beschrieben wurde, worauf der Autor eine ganze Reihe von Politikberatungsbüchern folgen ließ.

          Ganz ähnlich verwaltet der Soziologe Hartmut Rosa, der seit 2004 behauptet, wir lebten im „Zeitalter der Beschleunigung“, die dazu konträre Empirie. Wenn sich etwas nicht beschleunigt – zum Beispiel das Erwachsenwerden oder das öffentliche Bauwesen, die Prozessdauer vor Gericht oder das Promovieren -, dann ist das eben entweder eine Reaktion darauf, dass sich alles beschleunigt, oder ein von der Beschleunigung „noch nicht“ erfasster Bereich. Wieder andere Zeitdiagnostiker versehen die Gegenempirie einfach mit einem „post“ oder „neo“ und lassen uns in einer Postdemokratie leben, um zum Übergang in die Neodemokratie aufzufordern. Noch raffinierter ist der Soziologe Dirk Baecker vorgegangen, als er 2007 ein Buch über „Die nächste Gesellschaft“ schrieb und seitdem behauptet, wir lebten schon mitten in ihr. Wer könnte dem widersprechen? Nur wenn es darum geht, worin sie sich denn als nächste ausweist, und Baecker schreibt, „an die Stelle der Vernunft das Kalkül“ und „an die Stelle der Wiederholung die Varianz“ getreten ist, erzwingt das die Frage, in welchem Geschichtsbuch der Soziologe denn kalkülfreie Epochen der Vernunft und varianzloser Wiederholung gefunden hat.

          Schlüsselbegriffe auf der Streckbank

          Eine andere Möglichkeit, mit der Unhaltbarkeit von Zeitdiagnosen umzugehen, liegt darin, sie an immer andere Sachverhalte zu knüpfen. Dann kann auf das Atomzeitalter vermittelt durch eine Ölkrise das „Ende des sozialdemokratischen Zeitalters“ folgen, ohne dass auch nur die Frage gestellt wird, wie sich beide Epochen sowie Atom, Öl und SPD denn zueinander verhalten. Oder man konstatiert gleichzeitig eine Technokratie, die Kolonialisierung der Lebenswelt durch Bürokratien und Märkte sowie die Herrschaft des Neoliberalismus wie des Neokonservatismus und überlässt es dem Leser herauszufinden, dass, wenn das alles zutreffen soll, die entsprechenden Begriffe recht großzügig geschnitten sein müssen.

          Die Zeitdiagnostik hat also nicht nur eine Präferenz für Neuheitsbehauptungen, sie pflegt auch ein völlig überintegriertes Gesellschaftsbild. Ein Merkmal - etwa Privateigentum an Maschinen, das Internet, Singlehaushalte, Termindruck - wird herausgehoben und als durchgehender Zug des Ganzen mit Auswirkungen in alle entscheidenden Belange behauptet. So kommt man zu Begriffen wie „McDonaldisierung“ (George Ritzer) oder „Disneyization“ (Alan Bryman) der Gesellschaft, zur „Netzwerkgesellschaft“ (Manuel Castells) oder zur These, wir lebten im Zeitalter der „Individualisierung“ (Ulrich Beck). Oder man streckt die Schlüsselbegriffe ungemein und redet beispielsweise so, als würde „Masse“ im Tourismus dasselbe bedeuten wie in der Parteiendemokratie, im Sport und in der Mode, was es dann erlaubt, ein „Zeitalter der Massen“ auszurufen.

          Gefälligsein statt Relevanz

          Die Historiker beteiligen sich als Zeitgeschichtler sehr gern an solchen Manövern und versorgen die Massenmedien mit Jahreszahlen. Entscheidende Epocheneinschnitte sind dann beispielsweise in unseren Jahrhunderten 1914 und 1917 und 1918 sowie 1929 und 1933 und 1939 und 1944 und 1945 und 1949 und 1968 und 1972 und 1978 und 1989 und 1990 und 2001 – immer war danach, bestimmt haben wir auch einige Jahre vergessen, angeblich alles anders als zuvor. Das stimmt zwar nicht, ziemlich vieles war eben nicht anders, sondern blieb gleich oder war zumindest ziemlich wiedererkennbar. Doch Hauptsache, die Epoche ist gebildet, der Text mit der Überschrift „Das Zeitalter des…“ oder „Die XYZ-Gesellschaft“ kann in Druck gehen.

          Woher kommt das Bedürfnis danach? Im Vorwort seines Buches über zwei Schlüsselfiguren der Frühneuzeit, Nikolaus von Kues und Giordano Bruno, hat der Philosoph Hans Blumenberg darauf eine Antwort gegeben. Er ordnet die Behauptung, an einer Epochenschwelle zu stehen einerseits dem „Prägnanzbedürfnis“ derer zu, die gerne Subjekte der Geschichte sein möchten. Das galt jedenfalls für die geschichtsphilosophischen Zeitdiagnosen, die soziale Bewegungen mit epochalen Gefühlen ausstatteten. Anderseits notiert Blumenberg, was besonders für die Zeitdiagnosen der jüngeren Gegenwart gelten dürfte: Sie erfolgen aus wissenschaftlichen Disziplinen heraus, die aus Verlegenheit, was ihre „Relevanz“ angeht, sich, wie Blumenberg formuliert, aufs Gefälligsein verlegen. Der Soziologe Fran Osrecki hat die Zeitdiagnose in diesem Sinne als das probate Mittel von Sozialwissenschaftlern analysiert, um in die Medien zu kommen. Deren Neigung alles ständig im Wandel zu sehen, weil das Beständige keinen Nachrichtenwert hat, kommt der aufgeregte Professor, der gerade etwas Großes hat zu Ende gehen sehen und etwas noch viel Größeres anfangen, entgegen. Die Ironie der Beschreibung Osreckis liegt dabei im Titel seines Buches: „Die Diagnose-Gesellschaft“.

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