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Essay : Auf dem Jahrmarkt der Zeitdiagnosen

Schlüsselbegriffe auf der Streckbank

Eine andere Möglichkeit, mit der Unhaltbarkeit von Zeitdiagnosen umzugehen, liegt darin, sie an immer andere Sachverhalte zu knüpfen. Dann kann auf das Atomzeitalter vermittelt durch eine Ölkrise das „Ende des sozialdemokratischen Zeitalters“ folgen, ohne dass auch nur die Frage gestellt wird, wie sich beide Epochen sowie Atom, Öl und SPD denn zueinander verhalten. Oder man konstatiert gleichzeitig eine Technokratie, die Kolonialisierung der Lebenswelt durch Bürokratien und Märkte sowie die Herrschaft des Neoliberalismus wie des Neokonservatismus und überlässt es dem Leser herauszufinden, dass, wenn das alles zutreffen soll, die entsprechenden Begriffe recht großzügig geschnitten sein müssen.

Die Zeitdiagnostik hat also nicht nur eine Präferenz für Neuheitsbehauptungen, sie pflegt auch ein völlig überintegriertes Gesellschaftsbild. Ein Merkmal - etwa Privateigentum an Maschinen, das Internet, Singlehaushalte, Termindruck - wird herausgehoben und als durchgehender Zug des Ganzen mit Auswirkungen in alle entscheidenden Belange behauptet. So kommt man zu Begriffen wie „McDonaldisierung“ (George Ritzer) oder „Disneyization“ (Alan Bryman) der Gesellschaft, zur „Netzwerkgesellschaft“ (Manuel Castells) oder zur These, wir lebten im Zeitalter der „Individualisierung“ (Ulrich Beck). Oder man streckt die Schlüsselbegriffe ungemein und redet beispielsweise so, als würde „Masse“ im Tourismus dasselbe bedeuten wie in der Parteiendemokratie, im Sport und in der Mode, was es dann erlaubt, ein „Zeitalter der Massen“ auszurufen.

Gefälligsein statt Relevanz

Die Historiker beteiligen sich als Zeitgeschichtler sehr gern an solchen Manövern und versorgen die Massenmedien mit Jahreszahlen. Entscheidende Epocheneinschnitte sind dann beispielsweise in unseren Jahrhunderten 1914 und 1917 und 1918 sowie 1929 und 1933 und 1939 und 1944 und 1945 und 1949 und 1968 und 1972 und 1978 und 1989 und 1990 und 2001 – immer war danach, bestimmt haben wir auch einige Jahre vergessen, angeblich alles anders als zuvor. Das stimmt zwar nicht, ziemlich vieles war eben nicht anders, sondern blieb gleich oder war zumindest ziemlich wiedererkennbar. Doch Hauptsache, die Epoche ist gebildet, der Text mit der Überschrift „Das Zeitalter des…“ oder „Die XYZ-Gesellschaft“ kann in Druck gehen.

Woher kommt das Bedürfnis danach? Im Vorwort seines Buches über zwei Schlüsselfiguren der Frühneuzeit, Nikolaus von Kues und Giordano Bruno, hat der Philosoph Hans Blumenberg darauf eine Antwort gegeben. Er ordnet die Behauptung, an einer Epochenschwelle zu stehen einerseits dem „Prägnanzbedürfnis“ derer zu, die gerne Subjekte der Geschichte sein möchten. Das galt jedenfalls für die geschichtsphilosophischen Zeitdiagnosen, die soziale Bewegungen mit epochalen Gefühlen ausstatteten. Anderseits notiert Blumenberg, was besonders für die Zeitdiagnosen der jüngeren Gegenwart gelten dürfte: Sie erfolgen aus wissenschaftlichen Disziplinen heraus, die aus Verlegenheit, was ihre „Relevanz“ angeht, sich, wie Blumenberg formuliert, aufs Gefälligsein verlegen. Der Soziologe Fran Osrecki hat die Zeitdiagnose in diesem Sinne als das probate Mittel von Sozialwissenschaftlern analysiert, um in die Medien zu kommen. Deren Neigung alles ständig im Wandel zu sehen, weil das Beständige keinen Nachrichtenwert hat, kommt der aufgeregte Professor, der gerade etwas Großes hat zu Ende gehen sehen und etwas noch viel Größeres anfangen, entgegen. Die Ironie der Beschreibung Osreckis liegt dabei im Titel seines Buches: „Die Diagnose-Gesellschaft“.

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