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Essay : Auf dem Jahrmarkt der Zeitdiagnosen

Verkaufen lautet das Stichwort

Doch damit wir uns recht verstehen, undurchdachte Zeitdiagnosen sind kein Privileg der Wirtschaftsbeobachtung. Die Gesellschaft, in der wir leben, ist nämlich auch pornographisiert und moralisiert, postdemokratisch und bürgerbewegt, säkularisiert und von der Wiederkehr der Religion bestimmt. Wir haben in unserem kleinen Lebensabschnitt bewusster Gesellschaftsteilnahme zwischen 1972 und heute die Suburbanisierung und die Wiederentdeckung der Innenstadt erlebt, die von der Wiederentdeckung des Landlebens und der Neuwiederentdeckung der Innenstadt abgelöst wurde, woraufhin sich erneut die Landschaft meldete, während – als gerade das „Ende des Eigentums“ beschrieben wurde – die Immobilienpreise in den Städten wieder stiegen und die Zeitschrift „Landlust“ Rekordauflagen erzielte. Wären wir Zeitdiagnostiker, dann würden wir jetzt die „Gesellschaft des Einen und seines Gegenteils“ ausrufen und behaupten, bis vergangen Freitag habe es so etwas nicht gegeben. (Band Zwei der Diagnose würde dann unter dem Titel „Die Wiederkehr der Eindeutigkeit“ publiziert bzw. verkauft).

Verkaufen ist hier ein gutes Stichwort. Denn die Struktur der zeitdiagnostischen Rhetorik ist als Technik, um Aufmerksamkeit zu erzeugen, nicht einmal auf die Behauptung angewiesen, es ändere sich etwas fundamental. Es genügt vollkommen, erst etwas Schlimmes zu behaupten, um dann die offenkundige Abhilfe anzubieten. Zuletzt hat das noch einmal der Psychiater Michael Winterhoff bewiesen, der den Eltern zunächst ein Buch mit der Erklärung „Warum unsere Kinder zu Tyrannen werden“ andrehte, um danach eines mit dem Titel „Tyrannen müssen nicht sein“ auf den Markt zu werfen. Das Jahrmarktsschema des Billigen Jakob ist deutlich. Es ist ganz schlimm, ausweglos gar, aber, denkt mal an, ich hab einen Ausweg! In diesem Sinne war auch der Titel Jeremy Rifkins zu lesen, „Das Ende der Arbeit und ihre Zukunft“. Oder die Diagnose vom „Ende der Geschichte“, mit der Francis Fukuyma 1992 von sich reden machte, in der die Welthistorie als zwangsläufige Abfolge hin zu einem alternativlosen Zustand beschrieben wurde, worauf der Autor eine ganze Reihe von Politikberatungsbüchern folgen ließ.

Ganz ähnlich verwaltet der Soziologe Hartmut Rosa, der seit 2004 behauptet, wir lebten im „Zeitalter der Beschleunigung“, die dazu konträre Empirie. Wenn sich etwas nicht beschleunigt – zum Beispiel das Erwachsenwerden oder das öffentliche Bauwesen, die Prozessdauer vor Gericht oder das Promovieren -, dann ist das eben entweder eine Reaktion darauf, dass sich alles beschleunigt, oder ein von der Beschleunigung „noch nicht“ erfasster Bereich. Wieder andere Zeitdiagnostiker versehen die Gegenempirie einfach mit einem „post“ oder „neo“ und lassen uns in einer Postdemokratie leben, um zum Übergang in die Neodemokratie aufzufordern. Noch raffinierter ist der Soziologe Dirk Baecker vorgegangen, als er 2007 ein Buch über „Die nächste Gesellschaft“ schrieb und seitdem behauptet, wir lebten schon mitten in ihr. Wer könnte dem widersprechen? Nur wenn es darum geht, worin sie sich denn als nächste ausweist, und Baecker schreibt, „an die Stelle der Vernunft das Kalkül“ und „an die Stelle der Wiederholung die Varianz“ getreten ist, erzwingt das die Frage, in welchem Geschichtsbuch der Soziologe denn kalkülfreie Epochen der Vernunft und varianzloser Wiederholung gefunden hat.

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