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Enrique Sobejano im Gespräch : Eines bringt die Krise: Zeit zum Nachdenken

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Enrique Sobejano ist überzeugt, dass Spanien seine führende Stellung im europäischen Bauen zurückerobern kann Bild: Atelier Nieto/Sobejano

Spaniens Wirtschaftskrise begann mit dem Platzen der Immobilienblase. Seither steht im Bauen alles still. Der Architekt Enrique Sobejano hofft auf Besserung und spricht über die Fehler der Vergangenheit.

          6 Min.

          Spaniens Wirtschaftskrise wirkt trotz aller Gegenmaßnahmen weiterhin katastrophal. Die Arbeitslosigkeit in den südlichen Regionen Andalusien und Estremadura liegt bei 33Prozent, mehr als die Hälfte aller Jugendlichen im Land ist ohne Arbeit. Und in Katalonien, der vormals reichsten Region, sind die Aufträge der Bauwirtschaft in den letzten fünf Jahren um 96,5 Prozent gefallen. Wie geht es den Architekten in Spanien?

          Darauf möchte ich zwei Antworten geben. In den vergangenen fünfzehn Jahren hatte die spanische Architektur international großes Ansehen erreicht. Der Erfolg hing nicht mehr allein, wie in den Jahren zuvor, von der sichtbaren architektonischen Qualität ab. Er basierte auch auf einer neuen Debattenkultur und einem gesellschaftlichen Klima, das der Architektur äußerst förderlich war. Zudem war im Lauf der letzten zwei Jahrzehnte eine Architektengeneration herangewachsen, die erfolgreich ihre Potentiale ausschöpfte und mit ihrer Experimentierfreude das Feld der Architektur bereicherte. Niemals zuvor in der jüngeren Geschichte Spaniens hatte die Architektur günstigere Bedingungen vorgefunden.

          Doch zur selben Zeit entstand eine Parallelwelt, die nur wenig mit dieser Entwicklung zu tun hat - eine Welt, geprägt von gigantischen Spekulationen im Immobiliensektor und im Urbanismus, deren Auswüchse sich inzwischen entlang der gesamten spanischen Küste, in allen autonomen Regionen und in den Städten zeigen. Diese von der Immobilienwirtschaft forcierte Entwicklung brachte völlig überflüssige Wohnhäuser hervor, deren urbanistische Qualität bedeutungslos ist, sie führte zu spektakulären Großprojekten, die allein aus ökonomischen und politischen Motiven verfolgt wurden. Die beiden Parallelwelten nahmen kaum voneinander Notiz. Trotzdem schufen sie ein eindrückliches Bild der spanischen Architektur.

          Einerseits wurde diese in akademischen und kulturellen Zirkeln der ganzen Welt anerkannt, andererseits müssen wir feststellen, dass fünfundachtzig Prozent der in dieser Zeit errichteten Bauwerke den Namen Architektur nicht verdienen. Die Wohnbauten dieser Ära erfüllen nicht einmal die Mindeststandards, sie verbessern keineswegs die Lebensverhältnisse der Bewohner, und sie missachten die Anforderungen einer nachhaltigen Stadtplanung. Der überhitzte Wohnungsmarkt wurde durch die Politik so lange gestützt, bis die Immobilienblase platzte und uns in eine dramatische Wirtschaftslage manövrierte. Die wirtschaftliche Depression wirkt sich auf drei Architektengenerationen aus.

          Am härtesten trifft es die Jungen: Als in Madrid und Barcelona 2011 die Hälfte der Architekturbüros schließen musste, waren die jüngeren Architekten die ersten Leidtragenden. Sie finden keine Arbeit mehr. Am schlimmsten ist es, dass jegliche Hoffnung schwindet und niemand mehr erwartet, in einigen Jahren könne man einfach wieder an den erreichten architektonischen Standard anknüpfen. Durch meine Professorentätigkeit sowohl an einer spanischen wie an einer deutschen Universität habe ich den Eindruck gewonnen, dass Spaniens Architekten unter dem Eindruck eines umfassenden Verlusts leben.

          Heißt das, dass die jüngeren, fundiert ausgebildeten Architekten mit dem Diplom in der Tasche entweder billige Jobs annehmen oder ins Ausland abwandern müssen?

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