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Ukraine : Wege zum Glück

Olesia Kopotilova, geboren 1991, studiert im 3. Jahr Germanistik an der Osteuropäischen Nationalen Lesja-Ukrainka-Universität in Luzk, Ukraine. Bild: privat

Schließlich erreichten wir unser Ziel. Als wir die Stadt betraten, waren wir alle überrascht. Niemals, niemals in meinem Leben habe ich eine solch wundervolle Stadt gesehen, nur in meinen Träumen.

          8 Min.

          Wenn Ihr mich so sehr darum bittet, dann muss ich Euch meine Geschichte wohl erzählen, obwohl es eigentlich schon zu spät ist. Aber die Nacht, so sagt man, ist doch die beste Zeit für Geschichten. Wenn Ihr möchtet, könnt Ihr meine gerne hören. Aber ich werde sie nur unter einer Bedingung erzählen: Ihr müsst bis zum Ende zuhören und nicht, wie es diese Erwachsenen tun, nach der Hälfte der Geschichte urteilen und behaupten, ich würde Lügen erzählen. Auch wenn es unglaublich klingen mag, ich sage die Wahrheit. Wenn Eure Vernunft keine Fantasie zulässt, trennen sich unsere Wege hier. Aber wenn Ihr Drachen und Feen mögt, dann seid Ihr bei mir an der richtigen Adresse. Und ich sage Euch, Drachen und Feen existieren nicht nur im Märchen. In der realen Welt gibt es schrecklichere Dinge als Drachen und immer jemanden, der bessere Taten vollbringt als eine Fee. Gerade davon möchte ich Euch erzählen.

          Ich erinnere mich an diesen Tag, an dem ich so klein war wie Ihr jetzt. Na ja, jetzt bin ich ein dickbäuchiger beleibter Herr. Aber in jener glücklichen Zeit war ich ein Taugenichts, genau wie mein bester Freund Gottlieb. Er war kleiner als ich und hatte eine Schwester mit dem zauberhaften Namen Narnel. Sie war die älteste von uns und hatte dieses unbestrittene Recht, uns Ohrfeigen zu geben, wenn wir uns besonders schlimm benahmen. Zugegebenermaßen kam das einige Male vor. Für gewöhnlich benahmen wir uns aber natürlich nicht besonders schlimm, und heckten nur Kleinigkeiten aus, über welche selbst Narnel lachte. Narnel ist die Gute dieses Märchens.

          Zurück zur Geschichte. Ich spielte gerade mit Gottlieb. Er war Rattenfänger und ich unser Bürgermeister. Meine Rolle war, mit einem unzufriedenen Gesicht, aber stolz durch die Straße zu stolzieren, so wie es Bürgermeister unserer Meinung nach eben taten. Und als ich das machte und ganz fertig war, den Rattenfänger, genau Gottlieb, aus der Stadt zu vertreiben, wie es vorher unser Bürgermeister zusammen mit allen Bürgern getan hatte, war ich plötzlich offenen Mundes stehengeblieben.

          Ich hatte nicht Gottlieb, sondern den richtigen Rattenfänger gesehen. Er war in demselben Rock von vielfarbigem, buntem Tuch gekleidet. Ich erinnere mich sehr gut an den Moment, als er mich ansah. Ich war so beeindruckt, dass ich Gänsehaut bekam. Wortlos nahm er seine Flöte aus der Tasche und begann zu spielen. Bis zum heutigen Tag kann ich mir nicht erklären, was Besonderes an jenem Spiel war, aber ich kann ganz sicher sagen, dass es so etwas war. Die Musik verzauberte mich. Wie blind folgte ich der Musik. Um genau zu sein, schien nicht nur ich von der Melodie geblendet zu sein, sondern auch mein Freund Gottlieb; Narnel und alle anderen Kinder sah ich, wie sie näher kamen, um diese wunderbaren Klänge sich nicht entgehen zu lassen.

          Wie Ihr wisst, lautet die erste Regel für alle Kinder: man soll nicht mit Unbekannten mitgehen. Entgegen dieser Faustregel und unseren Eltern zum Trotz folgten wir dem Rattenfänger.

          Wir bewegten uns immer weiter von der Stadt weg und waren inzwischen ganz weit weg. Im Kopf behalten habe ich das Bild von dem riesigen Berg, der sich vor uns erhob. Er bot einen bedrohlichen Anblick. Die Berge außerhalb unserer Stadt wurden gefürchtet von den Bewohnern des ganzen Landes. Drachen und andere Bestien gäbe es dort, und wer sie erklimmt, kehre nie wieder zurück.
          Wir Kinder merkten jedoch überhaupt nicht, dass wir den Bergen immer näher kamen, dass wir uns schon in verbotenem Gebiet befanden, und liefen blindlings dem Flötenspiel nach. Es schien ganz so, als ob unser Rattenfänger den Weg genau kannte.
          Aber wie gelangt man über die Höhen der Berge?
          Wie kann man Drachen besiegen?
          Ich werde euch ein Geheimnis anvertrauen. Alle riesigen und furchtbaren Dinge in der Welt haben immer ihre schwache Seiten. Dieser Berg war keine Ausnahme. Durch ihn führte ein düsterer Tunnel, ein geheimer Tunnel, von dem vorher niemand wusste.

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