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Schweden : Die Zauberflöte

Andreas Wahlberg, geboren 1987, studiert im 2. Jahr Germanistik an der Universität Stockholm in Schweden. Bild: privat

Ganz anders als des dunklen Waldes Wesen / War dieser glüh’nde Ort, nun sichtbar da. / Darüber waren alle gleich erstarrt. / „Der Mausekönig hier, der bin ich ja“, / Sprach eine Stimme, in dem Nichts verscharrt.

          4 Min.

          Wir standen mitten schon auf unsrem Wege.
          So glaubten wir, obschon wir weder wussten
          Noch spürten wo das Ziel des Wanderns läge,
          Weil unermesslich lange Stunden mussten
          Die Füße unsrer Schar die Seelen bringen,
          Die Seelen, die nun kaum noch mehr bewussten;
          Sie würden nach des Wanderns Ziele ringen,
          Wären sie nicht so erschöpft gewesen.
          Jetzt könnten sie gar nichts von solchen Dingen.
          Ich hatte nie geträumt, noch nie gelesen
          Von einer solchen Stadt, die ich jetzt sah;
          Ganz anders als des dunklen Waldes Wesen
          War dieser glüh’nde Ort, nun sichtbar da.
          Darüber waren alle gleich erstarrt.
          „Der Mausekönig hier, der bin ich ja“,
          Sprach eine Stimme, in dem Nichts verscharrt.
          Fuhr fort: „Habt keine Angst, sag ich euch doch;
          Ihr werdet wohl belohnt, wenn ihr nur harrt,
          Auf bessre Zeiten. Lasst mir aber noch,
          Um später euch zu helfen und zu führen,
          Mich vorstellen – die Zeit dafür ist hoch.
          Bevor der Stadt ein Wächter ihrer Tore
          Ich wurde, war mein Name weltbekannt.
          Denn welchen Leser konnte nicht berühren
          Die schöne Saga, „Nussknacker“ genannt,
          Ein Märchen, das von unsrer Schlacht erzählt,
          Ja, bis zu der Husaren äußrem Rand –
          Bevor das Mädchen unsren Trupp verhält
          Und ihnen den Pantoffelsieg gewinnt.“
          Mit eins verstanden wir, dass auserwählt
          Er war und all sein Volk; sie wurden blind
          Dem Schicksal nach ins Jenseitsreich gebracht;
          Denn wegen Mausebluts ging es geschwind.
          Des Rattenfängers Lied hat’s so gemacht,
          Dass jene Mausschar hilflos ihm nachging,
          Bezaubert ganz und gar von seiner Pracht.
          Dass jede Maus an sieben andren hing,
          Bemerkte jeder. Dann ganz unerwartet
          Von unsrer Reihe zu den Mäusen ging
          Ein Junge, war aber nicht so geartet,
          Dass er die schöne Flöte hören wolle;
          Läuft eben gegen den, der auf ihn wartet.
          Es stand dort eine Maus auf heimscher Scholle,
          Sie war doch nicht dem Jungen allzu klein;
          Gleich groß, als ob vom Jungen grade solle
          Ein Zauberwort hier ausgesprochen sein.
          „Du, Däumling“, wie die Maus den Jungen nannte,
          „Willkommen in der Stadt, tritt du herein!“
          „Schon lange her“, rief er, der bald erkannte,
          „Seit ich bei dir im Mauseloche wohnte!
          Von dir gemietete kaum elegante
          Lokale – und indes wie es sich lohnte! –
          Weil dort hat mich mein liebster Freund gefunden.“
          Es war uns klar, dass er die Maus nun schonte,
          Die Rache dieses Mieters ließ er stunden.
          Bald lief aus unsrer Kinderschar heraus
          Ein andrer Junge, hatte schon gefunden
          Ein liebes Angesicht – zwar keiner Maus,
          Doch eines alten Mannes. So der Kleine:
          „Dass du mein Opa bist und dass dein Haus,
          Vor dem du grade stehst, ist auch das Meine,
          Beteure es, wenn Wächter je dich fragen!“
          Der Alte sah komplett verwundert aus
          Und wusste kaum, was jetzt ihm blieb zu sagen,
          Als jene Wächter kamen. Schwarze Katzen,
          Das waren sie; es wurd’ sodann ihr Magen
          Gefüttert, bald mit Mäusen, bald mit Ratzen,
          Und schlimmstenfalls mit den gefangnen Knaben,
          Denn ungeheuer waren ihre Tatzen,
          Und Riesenkörper schienen sie zu haben.
          Der Eine war gestiefelt und tritt vor;
          An ihre Arbeit sie sich so begaben –
          Sie hörten wie er flüsterte ins Ohr!
          Zur Wache! – und ihr Hunger war sehr groß.
          „Was meinst du wohl damit?“ – der Junge fror,
          Vernahm des Mannes Worte atemlos.
          Von jenen Katern, die er grad erkannte,
          Geschluckt zu werden – ist das wohl sein Los?
          Denn wäre er ganz ohne Anverwandte,
          Und niemand kannte, würde er gegessen;
          Gewiss, als der gesetzgemäß Gebannte,
          Für jeden würde er dann frei zu fressen.
          Noch einmal sprach der alte Mann ihm zu:
          „Was meinst du wohl damit?“ Die Worte dessen
          Erstarrten ihn noch immer. „Was meinst du,
          Wenn du so lange Zeit auf Wegen bist,
          Und unerwartet wiederkehrst im Nu;
          Ach, du erschreckst mich mit so kurzer Frist!“
          Erleichtert sank er nieder, und den Tieren
          blieb nichts zu essen, dank des Mannes List.
          „Wir dürfen aber keine Zeit verlieren“,
          Sprach dann der alte Mann, nachdem die Kater
          Gegangen waren; „seit vielen Jahren gieren
          Die Riesenkater danach, delikater
          Als je zuvor den Abendschmaus zu schmecken:
          Gekochtes Mädel, kurzgebratner Vater,
          Und, neben leckren Krumen und Gebäcken,
          Ein knusprig knusprig frischgebackner Junge.“
          Dies konnte wohl das Knäbelein erschrecken,
          Es kam auch gar kein Wort von seiner Zunge.
          „Es gibt doch Männer hier …“ sprach dann der Alte –
          Bei diesen Worten kam in einem Sprunge
          Ein junger Mann. „Und jene Sachverhalte,“
          So schloss er an, „sie gehen bald zu Ende.
          Denn ich hab grad erfahren von dem Spalte,
          Dank dessen morgen schon es kommt zur Wende.
          Die Riesenkater folgen einer Flöte;
          Sie halten schon des Rattenfängers Hände.
          Und heute Nacht, kurz nach der Abendröte,
          Versuche ich das Flötelein zu stehlen,
          Blas dann den Katern zu; dass es ihn töte!
          Denn tot kann jener nimmermehr befehlen,
          Und ohne diesen Fänger sind wir frei.
          Mein Krümel! Dies ist niemals zu empfehlen;
          Wir stehen aber vor des Volks Geschrei,
          Und wir erdulden frei heraus gesagt
          Nichts mehr von seiner Flötendudelei.“
          Allein zur Stell’ hat niemand es gewagt
          Zu bleiben; all das Licht schien zu vergehen,
          Es hatte jedoch balde schon getagt;
          Von unsrer Kinderschar blieb nichts zu sehen.
          Es wurde also Nacht, und vor dem Berge
          Blieb jener Mann so jung und tapfer stehen,
          Sich fragend, was der Fänger dort verberge.
          Ganz ruhig in den Höhlenraum hinein
          Ging er, entdeckte dann zwei große Särge,
          In denen schlafen tief beim Feuerschein
          Die Kater, fast wie tot, und neben diesen
          Lag Rattenfänger mit dem Flötelein.
          Auf leisen Sohlen zwischen jenen Riesen
          Nahm er des Fängers Flöte auf und dachte:
          Tyrannen, die je einst die Flöte bliesen,
          Gehorchten diese Tiere. Wer sie brachte
          Und ihnen spielte vor die goldnen Töne
          Der Zauberflöte, weiche, zarte, sachte,
          aus Gold gewebte Lieder, ewig schöne
          Gesänge, dem gehorchten völlig sie –
          Mit seinem Schicksal er sich bald versöhne! –
          Denn bei dem Klang der Flötenmelodie
          Erheben und bereiten sich die beiden,
          Und fressen hungrig alles auf wie nie
          Zuvor. Nun konnte er es kaum mehr leiden,
          Die Freiheit zu verzögern. An den Mund
          Hob er die Flöte, voneinander scheiden
          Die Lippen ließ, und spielte dann ein bunt
          Gefärbtes Lied. Erwacht aus ihren Träumen,
          Erblickten sie den Mann, der war der Grund,
          Den schönen Schlaf nun zu versäumen.
          Der junge Mann war aber sehr empört;
          Die Kater kamen aus den Höhlenräumen
          Nicht schmatzend, sondern tänzelnd; angehört
          Das Liedchen, konnten sie nichts andres tun;
          Der Plan des Mannes war dadurch zerstört.
          Dahinter kam der Rattenfänger nun,
          So froh wie jene andern sah er aus;
          Den Plan ließ unser Mann jetzt aber ruhn,
          Denn als er eben schaute um das Haus,
          War jeder dort und tanzte nach dem Takte:
          Bald hüpften jedes Kind und jede Maus,
          Bald nahmen alle Mädchen Teil am Akte,
          Der Mausekönig wie ein Papagei,
          Und andre Leute nahmen auch exakte,
          Vollendete, aus Tänzen allerlei,
          Gelehrte Schritte. Allen wurde klar
          Zu sehen: Diese Nacht war schon vorbei.
          Der junge Mann erhob sich vor der Schar;
          Sie überhörte seine Worte nicht,
          Und jener legte seine Aussicht dar:
          „Ich sehe es, ich sehe jetzt das Licht!“

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