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Portugal : Pieter, der Uhrmacher

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António Conduto Oliveira, geboren 1991, studiert im 2. Jahr Moderne Sprachen an der Universität Coimbra in Portugal. Bild: privat

Als er aufwachte, war Pieter allein im Tunnel. Die anderen Kinder waren aus dem Berg gelaufen, aber er, erschöpft, hatte für eine Weile geruht.

          3 Min.

          Als er aufwachte, war Pieter allein im Tunnel. Die anderen Kinder waren aus dem Berg gelaufen, aber er, erschöpft, hatte für eine Weile geruht. Nun war er allein in einem dunklen Tunnel unter dem Berg, weit weg von seinen Eltern und Freunden.

          Er weinte, als er den Vogel hörte. Er war groß und hatte Federn von einem hellen blau, und er sang. Er sang zu ihm. Und wie er sang, flog er weg in die Dunkelheit. Sein Lied zwang Pieter, ihm zu folgen, und so ging der Junge hinter seinem Retter her.

          Pieter ging eine lange Zeit. Er hatte immer den leuchtend blauen Vogel vor sich, der sang. Dann sah er ein Licht. Dieses Licht wuchs und wuchs, als er näher kam, ein helles blaues Licht, blau wie der Vogel. Als er in das Licht trat, wurde er fast blind. Langsam öffnete er seine Augen. Vor ihm war es Tag. Eine schmale Spur ging von dem Tunnel in ein kleines Wäldchen, und weiter hinten sah Pieter die Dächer einer Stadt, die Pinakel von einer Kathedrale. Und vor sich sah er den strahlend blauen Vogel, der ihn gerettet hatte. Der Vogel, der immer noch sang, stand auf einem Busch. Aber als Pieter sich auf ihn zu bewegte, flog er weg. Pieter rief nach ihm, aber er kam nie wieder, und das Kind sah ihn in den Wolken entschwinden.

          Ein glücklicher Pieter lief durch den Wald. Endlich kam er zu den Toren einer Stadt. Alle anderen Kinder waren vor ihm da gewesen, sagten die Menschen in der Stadt, und alle waren in ganz Europa verstreut. Er war wieder allein.
          Ein Uhrmacher, der sich immer einen Sohn gewünscht hatte, hatte Mitleid mit Pieter und führte ihn in sein Haus. Er und seine Frau haben den Jungen adoptiert, und bald begann Pieter zu lernen, wie man Edelmetall verdreht und formt und Uhrwerke macht. Als er älter wurde, wuchs auch seine Fähigkeit, und sein Ruhm übertraf den seines Adoptivvaters. Bald kamen reiche Leute aus anderen Städten auf der Suche nach Pieters Uhren für ihre Häuser. Aber Pieter hat nicht nur Uhren gebaut. Er machte viele komplexe Mechanismen in seiner Werkstatt: für Kaufleute baute er Zählmaschinen, Alarmanlagen und Tresore; Adlige kauften seine Taschenuhren und zarte Spieldosen. Es wurde sogar gesagt, dass er einen mechanischen Tiger an den Kaiser im weit entfernten China verkauft hätte, und dass eine Truppe von mechanischen Tänzern, die er mit seinen Händen gebaut hatte, für die Unterhaltung des Sultans von Siam sang und spielte. Aber er hat nie den blauen Vogel vergessen, der ihn gerettet hatte. Vögel waren seine Spezialität, und er baute sie für Kinder. Kleine Vögel, in allen Farben des Regenbogens, die Kinder in den Schlaf sangen. In seiner Stadt waren die kleinen Vögel überall. Sie spähten über Dächer und Wände, sie flogen um die Kaufmannsstände auf dem Markt. Ein blauer Vogel mit ausgebreiteten Flügeln wurde das Symbol der Stadt und ihre Bewohner liebten Pieter den Uhrmacher. Später befahl ihm der Bischof, eine Uhr für die Kathedrale zu bauen. Pieter hat einen großen Mechanismus gebaut, der auf einem hohen neuen Turm hoch über der Stadt steht.

          Als Pieter alt wurde, begann jedoch seine Leidenschaft für Vögel ihn ein bisschen seltsam zu machen. Er machte mechanische Vogel-Wecker, mechanische Vögel, die zählen und komplizierte mathematische Operationen machen konnten, und mechanische Vögel, die einen lauten Schrei abgaben, um vor Räubern zu warnen. Er ersetzte die gotischen Zeiger der Uhr durch ein Paar goldene Flügel. Und, inspiriert von dem blauen Vogel, der ihn einmal gerettet hatte, begann er, vom Fliegen zu träumen. Er versuchte, den blauen Vogel zu finden. Aber wenn er Leuten davon erzählte, dachten sie, er wäre verrückt.
          „Dieser Vogel verschwand vor langer Zeit“, sagten sie, aber er wollte nicht hören.

          Er war alt, und niemand beachtete ihn. Er war immer noch der Mann, der viele wunderbare mechanische Wunderwerke gebaut hatte, und die Stadt verdankte ihm viel, so dass sie über seine Exzentrik hinwegsah. Er war der verrückte, aber geliebte Uhrmacher. Aber sie alle beobachteten, wie Pieter eines Tages auf seinen großen Glockenturm kletterte und auf dem kegelförmigen Dach stand. Auf seinem Rücken hatte er große blaue Flügel aus emailliertem Silber.
          Die Leute standen auf dem Marktplatz, entsetzt. Viele hielten Kreuze in ihren Händen und baten ihn herunterzukommen. Pieter war auch besorgt. Es war nicht, weil er Angst hatte, sondern weil er die Menschen nicht erschrecken wollte. Er wusste, dass er fliegen konnte, sonst wäre er nie die Treppe hinaufgestiegen. Keine seiner Maschinen war jemals gescheitert. Seine Flügel würden ihn über die Stadtmauern und bis ins große blaue Feld des Himmels tragen. Die Leute drängten ihn, sich zu beruhigen, aber er lächelte sie an und lehnte ab. Er würde fliegen. Und um das zu beweisen, sprang er.
          Jeder hat weggeschaut. Jeder hat sich vorbereitet, das Knirschen von Metall zu hören, wenn der Körper von Pieter dem Uhrmacher auf das Kopfsteinpflaster der Straße stürzte.
          Aber niemand hörte ein Geräusch.
          Pieter der Uhrmacher war verschwunden.

          Und das ist über eines der Kinder von Hameln zu sagen, bis zu diesem Tag: er war ein großer Uhrmacher namens Pieter, und er hat den Tod durch das Fliegen mit blauen Flügeln in den Himmel betrogen, um einen Vogel zu treffen, der ihn einmal gerettet hatte. Und wenn die Glocke seiner großen Uhr auf der Kathedrale schlägt, kann man noch ein leises Geräusch von raschelnden silbernen Federn hören.

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