https://www.faz.net/-hnr-79w9p

Kasachstan : Agna kehrt heim

Madiyar Tarybai, geboren 1994, studiert im 1. Jahr Deutsch und Englisch an der Staatlichen Buketov-Universität in Karaganda. Bild: privat

Eines Tages, einige Jahre nachdem die Kinder dem Rattenfänger verzaubert gefolgt waren, kam ein Mädchen in die Stadt Hameln. Es war hoch von Wuchs und sehr merkwürdig gekleidet.

          5 Min.

          Eines Tages, einige Jahre nachdem die Kinder dem Rattenfänger verzaubert gefolgt waren, kam ein Mädchen in die Stadt Hameln. Zunächst erfuhr niemand von der leisen Ankunft dieses Mädchen. Sie war hoch von Wuchs und sehr merkwürdig gekleidet: sie trug ein in Form einer Tunika geschnittenes Hemd, Pluderhosen, schöne Schulteroberkleidung, eine archaisch anmutende Kopfbedeckung und weiche Schuhe aus Filz. Und sie ritt auf einem Pferd ganz besonderer Art.
          In dieser Aufmachung erregte sie doch bald Aufsehen, und die Leute begannen, sich um sie zu scharen. Plötzlich lief aus der Menschenmenge ein alter Mann heraus, der in dem Mädchen seine Tochter erkannt hatte. Der Mann umarmte sie fest und fing an zu weinen. Nach so vielen Jahren hatte er schon nicht mehr darauf gehofft, seine Tochter noch einmal zu sehen. Während ihr Vater sie noch umarmt hielt, begann Agna, denn so hieß das Mädchen, ihre Geschichte zu erzählen …

          Der Rattenfänger, so begann Agna, war eigentlich ein gutherziger Mann, und die von ihm entführten Kinder merkten schnell, dass er sie nicht töten würde. Stattdessen brachte er sie weit ostwärts in eine grenzenlose Steppe, wo Nomaden lebten. Kein Hamelner, das wusste der Rattenfänger, würde die Kinder in dieser Steppe finden. Auch könnten die Kleinen nicht selbstständig nach Hause zurückkehren, denn die Weiten der Steppe kannten nur die Nomaden gut. Und der Rattenfänger wusste, dass die Nomaden seine Kinder herzlich aufnehmen würden, weil er auch ihnen einmal geholfen hatte.
          Ausführlich und begeistert berichtete Agna von diesen Nomaden. Die Nomaden, so hatte sie gelernt, lebten in Jurten, das sind tragbare Häuser aus Holz und Filz. Da die Nomaden nämlich, wie der Name sagt, viel nomadisierten, also von einem Ort zum anderen zogen, mussten ihre Häuser es aushalten, sehr oft auseinandergenommen, weggetragen und anderswo wieder aufgebaut zu werden.
          Um zu überleben, züchteten die Nomaden Hammel, Pferde und Kühe. Jeden Tag aßen sie Fleisch und tranken Milch. Außerdem gab es noch ein eigenartiges säuerliches Getränk aus vergorener Milch bei ihnen, das sie mit Leidenschaft zu jeder Tageszeit trinken konnten, den sogenannten „Kumys“.
          Schnee, Wind und Eiseskälte machten den Nomaden in ihren baumlosen Steppen nichts aus, denn sie waren groß, tapfer und sehr zäh. Jeder Junge wurde von ihnen zum Krieger erzogen, und alle beherrschten das Schwert und den Bogen gut. Doch nicht nur die Jungen, sondern auch die Mädchen waren stark und außerdem unbeschreiblich schön mit ihrem langen geflochtenen Haar.
          Zur Unterhaltung bauten sich viele Nomaden ein Zupfinstrument mit zwei Saiten, die „Dombra“, auf der sie zu Volksfesten und wenn die Gäste zu Besuch kamen, spielten. Dieses Instrument hatte einen sehr angenehmen Klang. Die Nomaden veranstalteten sogar untereinander Wettbewerbe im Dombra-Spielen und im Singen, um zu bestimmen, wer von ihnen am ausdrucksvollsten sei.
          Außerdem roch es in der Steppe nach einem eigenartigen und besonderen Duft. Es duftete nach den Gräsern, die in der Steppe wuchsen. Diese Gräser nannten die Nomaden „Jusan“…
          An dieser Stelle unterbrach der Vater die Erzählung seiner Tochter. Er war nicht wenig erstaunt darüber, wie es nun aus Agna heraussprudelte, denn sie war einst taubstumm gewesen! Der Alte fragte also, wie sie geheilt worden sei – und wo sein Sohn und ihr jünger Bruder Georg abgeblieben sei.





          Agna antwortete ihrem Vater: An jenem Tag, als die Kinder dem Rattenfänger folgten, ging auch sie ihnen nach, weil unter den Kindern ihr jüngerer Bruder war. Dabei konnte sie wirklich gar nichts hören.
          Sie wusste nicht, wie es den Nomaden schließlich gelungen war, sie zu heilen. Aber nach einigen Monaten kehrte ihr Gehör zurück.
          Alle anderen Kinder außer Agna erinnerten sich weder an ihre Eltern noch an ihre Stadt. Wahrscheinlich, so dachte das Mädchen, hatte der Rattenfänger sie mit der Musik, die Agna nicht hören konnte, verhext.
          All diese Kinder wurden größer und zu echten Nomaden erzogen. Sie beherrschten die Militärkunst und wurden geschickte Reiter. Einige spielen auch auf der „Dombra“. Sie erlernten die Sprache und die Traditionen der Nomaden.


          Wie aber war es Agna unter diesen Umständen gelungen, den Nomaden zu entlaufen? Wie hatte sie den Weg nach Hause gefunden? Diese Fragen ließen den Stadtbewohnern von Hameln keine Ruhe.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          In Offenbach wird gebaut – aber wie teuer wird die Grundsteuer?

          Bundestag stimmt am Freitag ab : Protokollnotiz soll die Grundsteuer retten

          Die Bundesregierung steht unter Druck: Ohne Einigung in Sachen Grundsteuer müssen die Kommunen auf mehr als 14 Milliarden Euro im Jahr verzichten. Viel spricht dafür, dass FDP und Grüne die geplante Reform ermöglichen werden.
          Der amtierende indische Ministerpräsident Narendra Modi

          Hohe Verschuldung : Weltbank warnt vor indischer Krise

          Die Lage der Banken wird prekärer. Von faulen Krediten im Volumen von rund 150 Milliarden Dollar ist die Rede. Nun schlagen die Probleme aus dem Finanzsektor auf die Binnenwirtschaft durch.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.