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Island : Die Zauberlehrlinge und die Elfenkönigin

Árný Stella Gunnarsdóttir, geboren 1991, studiert im 2. Jahr Germanistik an der Universität Island in Reykjavík. Bild: privat

Sein Name war Sæmundur fróði  und er war ein Zauberer aus Island. Er hatte erst sein Zauberstudium an der Schwarzen Schule im Schwarzwald abgeschlossen und begab sich nun auf die Reise nach Hamburg.

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          Der Rattenfänger schuf durch Magie viele Tunnel in den Bergboden und schickte die Kinder durch die Tunnel, immer drei zusammen, bis ihm nur zwei zurückblieben. Die Tunnel führten zu den Kollegen des Rattenfängers, die in allen Ländern der Welt lebten, und die genauso magisch waren wie er. Sie würden die Kinder ihre eigene Art der Magie lehren und sie zu gut erzogenen Hexen und Zauberern machen. Der Rattenfänger selbst nahm die letzten zwei Kinder, die Geschwister Hans und Lieschen, als Lehrlinge. Auf dem Weg nach Hamburg erzählte er ihnen seine Geschichte.

          Sein Name war Sæmundur fróði   und er war ein Zauberer aus Island. Er hatte erst sein Zauberstudium an der Schwarzen Schule im Schwarzwald abgeschlossen und begab sich nun auf die Reise nach Hamburg, von wo er ein Schiff nach Island nehmen wollte. Als er in Hameln rastete, wurde ihm das Rattenproblem bewusst, und weil er wenig Geld hatte, half er den Bewohnern Hamelns gegen eine kleine Belohnung. Die Leute dort hatten ihm aber kein Geld gegeben, und weil sie so perfide und eigennützig waren, hatte Sæmundur ihre Kinder weggenommen, damit diese von anderen Menschen bessere Sitten lernen würden.
          Lieschen und Hans blieb keine andere Wahl, als mit dem merkwürdigen Zauberer nach Island zu reisen. Dort brachte er ihnen die dunkle Art der isländischen Magie bei, ließ sie auf seinem Hof arbeiten, kümmerte sich um sie und liebte sie wie seine eigenen Kinder. Er lehrte sie Isländisch und das Lesen der Buchstaben und Runen. Als etwa sechs Jahren verflossen waren und die Kinder alt genug waren, nahm Sæmundur Hans mit zum Althing, während Lieschen auf das Haus aufpasste. Weil Lieschen nun das erste Mal allein zu Hause war, langweilte sie sich sehr. Um sich die Zeit zu vertreiben, begann sie in den Truhen und Kisten ihres Ziehvaters zu kramen. Sie fand eine Pfeife, stopfte sie mit Heu und zündete sie an. Der Rauch wurde dicker und dunkler, bis er zu einem Dämon wurde, der so fürchterlich grinste, dass Lieschen vor lauter Schreck die Pfeife auf den Boden fallen ließ.

          „Welche Probe hast du für mich, Mädchen?“ fragte der Dämon. „Keine Aufgabe ist mir zu schwierig. Und weil du nur so klein bist, werde ich dir drei Versuche geben. Wenn du dir nämlich keine Probe ausdenken kannst, mit der ich nicht klarkomme, dann fresse ich dich.“
          Lieschen konnte vor Furcht kaum reden. So ein schreckliches Wesen hatte sie nie in ihrem Leben gesehen. Sie zögerte aber nicht lange, und weil sie ein kluges Mädchen war, dachte sie sich schnell eine Probe aus.
          „Geh und finde hundert vierblättrige Kleeblätter,“ sagte sie. Der Dämon lachte eisig und verschwand in die Luft. Nach allzu kurzer Zeit erschien er wieder und ließ hundert vierblättrige Kleeblätter auf den Boden fallen.
          Lieschen sah, dass das Lösen solcher kindischen Proben gar nicht schwierig für den Dämon war. Sie überlegte lange und sagte: „Finde einen ‚Skuggabaldur‘, zähme ihn und bring ihn her als mein ewig treues Begleit-Tier.“ Lieschen lächelte siegessicher. Ein Skuggabaldur war eine wilde Bestie, eine riesige Katze die Kinder fraß, und die keiner zähmen konnte. Der Dämon lachte jedoch noch lauter als zuvor, verschwand in die Luft, und nachdem er nur wenig länger als bei der ersten Aufgabe weg gewesen war, erschien er wieder mit einem Skuggabaldur in den Händen, den er auf den Boden fallen ließ. Der Skuggabaldur musterte Lieschen eine Weile, leckte sich die Pfote und kämmte sich das Fell hinter die Ohren, ging dann zu ihr und rieb sich an ihren Füßen, zahm und freundlich wie eine Hauskatze.

          Lieschen wurde jetzt kreidebleich und überlegte so todesmutig wie nie zuvor. Der Dämon sah sie mit zynischem Grinsen an und leckte sich gierig die Reißzähne. Das Mädchen dachte an ihren Ziehvater und seine dumme Pfeife. Und dann bekam sie eine Idee.
          „Geh und bring mir die Zauberflöte meines Vaters,“ sagte Lieschen.

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