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China : Die verschwundene Geburtstagsparty

Yimin Fei, geboren 1991, studiert im 4. Jahr Germanistik an der Tongji Universität in Shanghai, China. Bild: privat

Ich erkannte im Gegenlicht den Umriss des Mannes – die merkwürdige Mütze, und die Flöte, die kamen mir irgendwie bekannt vor … Ach ja! Er war der … „Der Rattenfänger.“

          7 Min.

          Zum Geburtstag, liebe Sarah, zum Geburtstag viel G…“
          Ich wollte gerade die Kerzen ausblasen und schloss meine Augen, wobei ich zögerte, ob ich mir eine schlanke Figur wünschen sollte oder lieber viel leckeres Essen, als es mir plötzlich sehr kalt wurde und ein starker Wind mich fast vom Boden in die Luft zu reißen drohte. Wie? Wurde unser Dach weggeblasen? Dabei hatte ich noch gar nicht geblasen! Ich machte neugierig meine Augen einen kleinen Spalt auf. – Was? Bach? Berg? Bäume? Interessant, ich träumte bestimmt … Ich schloss meine Augen ohne jedes Zögern wieder, und zwar so schnell und fest, dass man das laute „klapp“ hätte hören können – wären meine Augenlider aus Holz. Langsam und vorsichtig öffnete ich noch einmal die Augen und wurde nur verwirrter: Die Party war wie weggeblasen und hinterließ keinerlei Spuren. Ich sah klipp und klar, dass ich am Stadtrand auf einer Lichtung im Wald stand – der Bach, der Berg und die Bäume waren immer noch da, wie viel mal ich auch zwinkern mochte. Um mich herum waren über hundert von anderen Kindern aus unserer Stadt, die genauso desorientiert wirkten wie ich. Ich hörte sogar schon die kleine Marie – in dieser Dunkelheit ließ sich nicht viel deutlich sehen, aber um Marie zu erkennen, brauchte man die Bestätigung durch die Augen auch nicht: Ihr kreischendes Weinen war in der ganzen Stadt berühmt. Sobald etwas gegen ihren Willen war, flennte sie hysterisch. Ich runzelte verärgert meine Stirn: diese Heulsuse!

          Zu dieser Zeit ertönte im Wald melodische Musik, die so verführerisch wirkte, dass ich jede Aufmerksamkeit auf Marie verlor und interessiert nach der Quelle suchte. Ach, es saß ein Mann mit einer Flöte auf dem höchsten Zweig einer alten Eiche. Die Musik kam offenbar von ihm. Nun war der Mond auch aufgegangen, hielt gerade neben dem seltsamen Mann, schwankte sogar ein wenig, wie ein mit dem Seil am Ufer festgebundenes Boot, als wäre er jeder Zeit bereit, wegzufahren, sobald man ihn losließe. Ich erkannte im Gegenlicht den Umriss des Mannes – die merkwürdige Mütze, und die Flöte, die kamen mir irgendwie bekannt vor … Ach ja! Er war der …

          „Der Rattenfänger.“

          Die Musik hörte schlagartig auf, der Mann begann zu sprechen. „Ja Kinder, ich bin der Rattenfänger, der euch von den Ratten befreit hat. Ihr fragt wohl, warum ich euch aus euren bequemen Häuschen hierher geholt habe.“ Sein Ton wurde plötzlich grimmig: „Eure Eltern haben mir einen Lohn fürs Rattenfangen versprochen, bis jetzt habe ich aber keinen Pfennig bekommen! Sie haben mich sogar aus der Stadt vertrieben!“

          Was will er denn?

          „Natürlich weiß ich, dass ihr nicht schuld daran seid. Nur bin ich besorgt, wenn ihr in einer solch unehrlichen Stadt aufwachsen müsst. Deshalb werde ich euch alle in irgendeinen Teil der Welt schicken, wo ihr lernen müsst, aufrichtige Menschen zu werden. Erst nachdem ihr aus vollem Herzen gute Taten vollbracht habt, könnt ihr zurückkehren.“

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