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Benin : Die undankbaren Frauen

Akouavi Mathilde Adjahe, geboren 1990, studiert im 3. Jahr Germanistik an der Université d’Abomey-Calavi in Cotonou, Benin. Bild: privat

Jeden Tag gingen die Frauen zum Berg und sangen: Oh Berg! / Schöner Berg! / Oh Berg! / Großer Berg! / Oh Berg! / Quelle / Unserer tiefen Schmerzen / Oh Berg! / Quelle / Unseres seelischen Kummers / Bitte, gib uns / Unsere Kinder.

          6 Min.

          Es war einmal vor sehr langer Zeit eine kleine Stadt, die hieß Hameln. Dort hausten schrecklich die Ratten und fraßen den Menschen die Haare vom Kopf. Bis eines Tages ein Mann kam, der trug bunte Kleider und spielte so schön auf der Flöte, dass die Ratten zu tanzen begannen und ihm in einen Fluss namens Weser folgten, in dem sie alle ertranken. Aber weil ihn niemand für seine Dienste bezahlte, kam er heimlich zurück und spielte erneut. Jetzt hörten die Kinder die Melodie und liefen verzaubert hinter ihm her, hinaus vor die Stadt, wo sie in einem finsteren Berg verschwanden, aus dem sie nie wieder aufgetaucht sind.

          Die Kinder waren unter dem Berg versteckt. In diesem Berg lebte dieser sogenannte Flötist. Nun trug es sich zu, dass sich die Kinder in einer neuen, schönen, großen und außerordentlichen Stadt befanden. Diese Stadt war mit Licht überschwemmt. Dort gab es viele Menschen und, nicht zu vergessen, Kinder. Auch Pflanzen gab es dort, aber am interessantesten war, dass es Keksbäume und Kuchenbäume gab. Der Sand war aus Kroketten, und es gab viele aus Schokolade gebaute Häuser. Es gab dort Hähne, die Häuser bauten. Dort sprachen Tiere, mit denen Kinder spielen konnten. Neben den Keksbäumen gab es einen Fluss, dessen Wasser Fruchtsaft war. Der Himmel war nicht weit entfernt von der Erde.

          Die entführten Kinder waren sehr beeindruckt und begannen, mit den anderen zu spielen, und aßen alles, was sie sahen und essen konnten. Sie waren froh und vergaßen ihre Heimat.

          Erst bei Sonnenuntergang bemerkten die Eltern die Abwesenheit ihrer Kinder und gingen sie suchen, aber vergeblich. Die Eltern waren beunruhigt und traurig; die Mütter brachen in Tränen aus, sie weinten unaufhörlich.

          Doch als die Kinder mit dem Flötisten vorm Berg waren, war ein Mädchen ein Stück abseits gegangen, um Blumen zu pflücken, und sie sah alles, was dort geschah. Dann lief sie schnell wie eine Gazelle in die Stadt, begegnete den jammernden Eltern und informierte sie über das, was sie gesehen hatte.

          Die Eltern liefen schnell zum Berg, aber dort war nun niemand mehr, und sie kehrten unverrichteter Dinge um.

          Jeden Tag gingen die Frauen zum Berg und sangen:

          Oh Berg! / Schöner Berg! / Oh Berg! / Großer Berg! / Oh Berg! / Quelle / Unserer tiefen Schmerzen / Oh Berg! / Quelle / Unseres seelischen Kummers / Bitte, gib uns / Unsere Kinder. / Berge! / Oh Berge!

          Gleich nach dem Gesang brachen sie alle in Tränen aus.
          Mehrmals haben sie dies so vergeblich vollzogen; bis eines Tages eine von diesen Frauen gegen Mitternacht zum Berg ging und sagte, ihr sei es lieber, mit ihrem Kind zu sterben. Diese Frau hatte in ihrem Leben nur ein Kind zur Welt gebracht und es war verschwunden. Ihr Mann lebte auch nicht mehr. Deshalb fing sie an, vor dem Berg zu singen.

          Oh Berg! / Schöner Berg! / Oh Berg! / Großer Berg! / Du hast mein Kind, /
          Alle meine Hoffnung. / Jetzt nimm mich. / Besser sterben, / Als kinderlos leben, /
          Berge! Oh Berge!

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