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Ein Gespräch mit der Friedenspreisträgerin Swetlana Alexijewitsch : Uns fehlt die Kultur des Glücks

Eine entschiedene Stimme für die Opfer postsowjetischer Gewalt: Swetlana Alexijewitsch Bild: Thomas Kierok/laif

Dostojewski hat gesagt, dass erst das Leid den Menschen zum Menschen macht: Die weißrussische Autorin Swetlana Alexijewitsch weiß aus Erfahrung, wovon der Dichter spricht.

          7 Min.

          Was bedeutet die Verleihung des Friedenspreises für Sie?

          Kerstin Holm
          Redakteurin im Feuilleton.

          Mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels sind wunderbare Namen verbunden: Schweitzer, Jaspers, Hesse. Die Liste der Geehrten bezeichnet die Besten, das, was ich liebe, mein Gepäck, das, was mich erzogen hat - und was die Sowjetunion uns nicht geben konnte.

          Was, glauben Sie, könnte diese Auszeichnung Ihrem Land geben?

          Tatsächlich ist dieser Preis nicht nur für mich wichtig, sondern für viele. Er bedeutet, dass die Welt diejenigen in Weißrussland und Russland unterstützt, die heute im Gefängnis oder in erzwungener Tatenlosigkeit leben müssen, eine schwere Niederlage erlitten haben und nur versuchen können zu überleben, weniger physisch als vor allem geistig. Weißrussland und Russland machen eine dunkle Zeit der Wirren durch.

          Ich bin nicht gegen die orthodoxe Kirche, wohl aber gegen die Orthodoxie des sechzehnten Jahrhunderts, die von Zar Iwan dem Schrecklichen mit ihren furchtbaren, unzivilisierten Gesetzen, die Russland heute auf den iranischen Weg zu bringen versucht. In dieser Lage haben nur wenige wie ich die Möglichkeit, zu sprechen und gehört zu werden.

          Sie haben Ihre Folge von Büchern über Frauen- und Kinderschicksale im Zweiten Weltkrieg, über Tschernobyl und russische Afghanistan-Tote als eine „Geschichte des Roten Menschen“ bezeichnet. Wobei Ihr Werk durchweg tragische Lebensläufe dokumentiert, es ist ein Blumenstrauß menschlichen Unglücks. Man möchte in Ihnen fast ein weibliches Gegenstück zu Alexander Solschenizyn erblicken, der in seiner Trilogie „Rotes Rad“ die Gründe der sowjetischen Katastrophe aufzeigen wollte. Wie Solschenizyn verließen Sie Ihre Heimat, um später zurückzukehren. Sie und er haben sogar die jeweils umgekehrten Initialen!

          (Lacht.) Ich bewundere Solschenizyn natürlich. Sein alternatives Geschichtswerk ist eine große Tat. Dennoch würde ich es heute wohl nicht wieder lesen. Solschenizyn schildert das GULag-Dasein als etwas trotz allem Sinnvolles, weil es den Menschen auch reinige. Mir steht sein literarischer Antipode Warlam Schalamow viel näher. Schalamow war überzeugt, dass die Erfahrung des Lagers keinen Sinn und keinen Nutzen habe, sie verderbe nur Henker und Opfer gleichermaßen. Der harte Dokumentarstil von Schalamows Lagerprosa inspiriert mich bis heute. Dabei ist mir vor allem die Musik des Textes wichtig.

          Aber liegt nicht auch etwas spezifisch Weibliches darin, dass Sie Geschichte nicht anhand äußerlich fortschreitender Ereignisse, sondern durch die Variationsform vieler verschiedener Einzelschicksale erzählen? Wobei beeindruckt, dass vom Dasein Ihrer Figuren fast nur das Leid beschrieben wird, und zwar in solcher Konzentration, dass ich Ihre Texte, ehrlich gesagt, nur in kleinen Dosen genießen kann. Betrachten Sie es, wie die ermordete russische Journalistin Anna Politkowskaja, als Ihre Mission, den von der Geschichte Überrannten zu historischen Würden zu verhelfen?

          Dostojewski hat gesagt, dass erst das Leid den Menschen zum Menschen macht. Anna Politkowskaja achte ich hoch, sie war eine äußerst mutige Frau. Aber ich verstehe meine Aufgabe anders. Ich will mir und anderen klarmachen, wer wir eigentlich sind, wir, die Kinder der Utopie. Dabei muss ich die diversen Biographien bis auf das jeweils Schicksalhafte eindampfen, alles Nebensächliche wegwerfen. Unser Leben wird vor allem von der Liebe und dem Tod bestimmt. In autoritären Staaten kommt noch der Dienst an einer Idee hinzu. Sie ist uns inzwischen abhandengekommen.

          Wie Schalamow sagte: Die Idee des vollkommenen Lebens hat eine Niederlage erlitten. Aber für meine Generation war sie existentiell wichtig. Ich kam kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges hier ganz in der Nähe, im vormals polnischen Iwano-Frankowsk, als Kind einer dortigen Ukrainerin und eines „Okkupanten“, eines weißrussischen Kommunisten, zur Welt. Meine Eltern waren zeitweise so arm, dass ich zu verhungern drohte.

          Da wandte sich meine Mutter an den „Klassenfeind“, ein nahe gelegenes Kloster, wo ich dann eine Zeitlang Ziegenmilch bekam. Das Beispiel dieser Nonnen, die mich retteten, zeigt, dass man in jeder Lage Mensch bleiben kann. Mein Vater war übrigens einer von denen, die bis zuletzt ihrem ideologischen Glauben treu blieben. Er hat sich sogar sein Parteibuch in den Sarg legen lassen.

          Warum sind Sie nach zehn Jahren im Westen 2012 nach Minsk zurückgekehrt? Ist das eine Kapitulation vor dem Lukaschenka-Regime? Oder sind Sie auch von Europa enttäuscht?

          Eine Mischung aus beidem. Tatsächlich scheinen die Menschen in Europa emotional abzukühlen. Sie werden immer verschlossener. Mir fällt das besonders auf, weil ich vom Dorf stamme, wo alle über alles reden. Mir ist inzwischen aber auch klar, dass Präsident Lukaschenka das ist, was die Mehrheit in Weißrussland will. Wir waren nach der Jahrtausendwende aus Protest ausgereist, nachdem er meine Bücher aus den Schullehrplänen entfernen ließ.

          Wir konnten uns damals nicht vorstellen, dass Lukaschenka lang an der Macht bleiben würde. Aber er hat alle gekauft. Die einfachen Leute lieben ihn wirklich. Lukaschenka ähnelt in vielem dem russischen Präsidenten Putin, der mich an einen Kleingauner erinnert. Allerdings steht Lukaschenka seinem Volk tatsächlich nahe, während Putin das seine nicht versteht. Unsere Oppositionellen, die sich zanken, wer von ihnen aus dem Ausland wie viel Geld bekommen hat, sind nicht ernst zu nehmen. Übrigens habe ich in der Zeit, als ich in Italien, in Paris, Berlin und München wohnte, nie die jeweilige Landessprache gelernt. Inzwischen sind meine Eltern gestorben, jetzt kommen meine Enkel in die Schule. Ich muss einfach an dem Ort sein, über den ich schreibe.

          Bereuen Ihre Informanten manchmal das, was sie Ihnen gebeichtet haben?

          Ja, einige können die eigenen Einsichten auf Dauer nicht ertragen. Ich erinnere mich noch gut an eine Mutter, die, als ich ihr zuerst begegnete, auf dem Zinksarg ihres Sohnes saß, der in Afghanistan getötet worden war. Sie berichtete mir, dass der Junge während seiner Ausbildung bei der Armee Generalsdatschen bauen musste und dann bei einem seiner ersten Feldeinsätze starb.

          Doch dann ernannte ein Gericht ihn postum zum Helden. Da verklagte mich die Frau wegen meines Buchs „Zinkjungen“, das auch ihre Geschichte enthält, als Verräterin. Ich hielt ihr vor: „Aber Natascha, du hast mir das, was dort geschrieben steht, doch selbst erzählt.“ Woraufhin sie entgegnete, das sei meine Wahrheit, von der sie nichts wissen wolle. Was sie brauche, sei ein Held als Sohn.

          Obwohl Minsk Ihre Heimat ist, schreiben Sie nicht auf Belorussisch.

          Ja, ich schreibe nur russisch und verstehe mich auch als Angehörige der russischen Kultur. Die weißrussische Sprache ist sehr bäuerlich und literarisch unausgereift.

          Sie haben Tschernobyl als das Ende der Utopie und den Beginn einer neuen Zeitrechnung bezeichnet. Was ist seither anders geworden?

          Die Sowjetunion ist nicht zuletzt an Tschernobyl zugrunde gegangen. Damals wurde aber auch für alle Welt deutlich, dass der technische Fortschritt in einen Kriegszustand des Menschen mit sich selbst mündet. Als man die Bewohner der verseuchten Gebiete evakuierte, mussten sie alle Haus- und Nutztiere zurücklassen. Zwei Tage später wurden die Tiere von Soldaten erschossen. Das war Verrat an der Menschlichkeit. Biologen stellten fest, dass man im Erdreich keine Würmer mehr fand, so tief hatten die sich eingegraben.

          Die Bienen verließen ihre Stöcke nicht mehr. Davon können wir einiges über unsere Überlebenschancen lernen. Ich sympathisiere seither mit Albert Schweitzer und seinem Imperativ der Ehrfurcht vor dem Leben. Mir imponiert auch die japanische Kultur, wo man sich ins Betrachten von Blüten versenken kann. Als ein japanisches Fernsehteam zu mir nach Minsk kam, richteten die Kameraleute am Ende des Besuchs in meinem Garten noch die Löwenzahnblüten, die sie niedergedrückt hatten, wieder auf. Das hat mich beeindruckt. Ich glaube, dass die Menschheit nur durch Mitgefühl überleben kann. Leider verarmen auch die Europäer mit zunehmender Rationalisierung emotional.

          Der utopische Mensch, den Sie anthropologisch schildern, stirbt in der europäischen Kultur aus. Was für ein Wesen, glauben Sie, wird ihn beerben?

          Ich wage keine Prognose. Wir leben in einer Secondhand-Epoche, die keine neuen Gedanken hervorbringt. Viele junge Leute finden, die Älteren seien interessanter, menschlich reicher, hätten einen größeren Horizont. Zugleich haben unsere Regime Angst vor der Jugend, etwa in Gestalt der ukrainischen Femen-Gruppe oder der Punkerinnen von Pussy Riot. Denn diese Mädchen haben wirklich Drive! Der Staat kann sie allerdings neutralisieren. Und die wahre Stimmung im Volk kennt keiner. Ich habe den Eindruck, wir rutschen in eine Diktatur der kleinen Leute hinein, wie sie von der Demokratie gehätschelt werden.

          Die Dichterin Olga Sedakowa hat die Durchschnittlichkeit als ernste soziale Gefahr beschrieben. Um das zu illustrieren, schilderte sie den Fall eines französischen Schülers, der für eine Prüfung mein Buch „Der Krieg hat kein weibliches Gesicht“ über Frauen im Zweiten Weltkrieg lesen und analysieren musste, was ihn, nach Meinung des Lehrerkollegiums, übermäßigem Stress aussetzte.

          Mehrere Auflagen Ihres Tschernobyl-Buchs kamen im Berlin Verlag heraus, unter der Verlegerin Elisabeth Ruge, die voriges Jahr die Leitung von Hanser Berlin übernahm, wo bald auch Ihr neues Buch „Secondhand-Zeit“ erscheinen wird. Haben Sie schon gehört, dass sich Frau Ruge von Hanser Berlin trennen wird?

          Nein! Da schockieren Sie mich aber. Elisabeth ist eine echte Brücke zwischen Deutschland und Russland. Sie verstand nicht nur den Text eines russischen Manuskripts, sondern auch das Nichtgesagte. Sie ist ja schon durch ihren Vater Gerd Ruge mit der russischen Kultur verbunden und hatte sogar eine russische Kinderfrau. Meine Bücher sind mit Elisabeth verbunden. Als ich nach ihrem Weggang im Berlin Verlag Gespräche führte, kam ich mir vor, als redete ich dort gegen eine Wand. Ich lese derzeit den Roman „Die Wohlgesinnten“ von Jonathan Littell, den sie auf Deutsch herausgebracht hat. Mir ist das Buch wichtig, weil es die Psychologie der Täter im Totalitarismus, die noch tabuisiert wird, verstehen hilft.

          Wo sehen Sie heute zukunftsweisende Kräfte in Ihrer Heimat?

          In der Provinz. Es ist vor allem die arme dörfliche Intelligenzija, die nicht durch Geld verführt wurde. Ich bewundere beispielsweise die Mitarbeiter der Bibliothek des Städtchens Pinsk, die trotz größter Mittelknappheit eine eigene unabhängige Zeitung machen. Ich habe immer gehofft, mit meinen Büchern dazu beizutragen, dass die Menschen nicht zynisch werden, aber auch nicht nur Revolution machen wollen. Allerdings bemerke ich neuerdings, dass die Glamour-Mode abflaut. Den Erfolgreichen reichen der Mercedes und die Villa nicht mehr, sie interessieren sich für Politik, sogar für die moralisierenden Sechziger, die sie früher verachtet haben.

          Und was für Bücher werden Sie noch schreiben?

          Als Nächstes stehen für mich „Hundert Erzählungen über die Liebe“ auf dem Plan. Ich will das spezifisch Russische an der Liebe herausarbeiten, die elementare Emotion, die Zügellosigkeit, die Hoffnung auf Glück, das dann nicht eintritt. Wir haben ja keine Kultur des Glücks. Und danach möchte ich noch ein Buch übers Altern machen. Allmählich wird das Thema für mich aktuell. Im Alter betritt man einen neuen Raum, der gedanklich erfasst und mit Sinn erfüllt sein will. Dabei interessiert mich vor allem, wie einfache Leute, die nicht wie Sie und ich von Berufs wegen schreiben, damit zurechtkommen.

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