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Ein Gespräch mit der Friedenspreisträgerin Swetlana Alexijewitsch : Uns fehlt die Kultur des Glücks

Der utopische Mensch, den Sie anthropologisch schildern, stirbt in der europäischen Kultur aus. Was für ein Wesen, glauben Sie, wird ihn beerben?

Ich wage keine Prognose. Wir leben in einer Secondhand-Epoche, die keine neuen Gedanken hervorbringt. Viele junge Leute finden, die Älteren seien interessanter, menschlich reicher, hätten einen größeren Horizont. Zugleich haben unsere Regime Angst vor der Jugend, etwa in Gestalt der ukrainischen Femen-Gruppe oder der Punkerinnen von Pussy Riot. Denn diese Mädchen haben wirklich Drive! Der Staat kann sie allerdings neutralisieren. Und die wahre Stimmung im Volk kennt keiner. Ich habe den Eindruck, wir rutschen in eine Diktatur der kleinen Leute hinein, wie sie von der Demokratie gehätschelt werden.

Die Dichterin Olga Sedakowa hat die Durchschnittlichkeit als ernste soziale Gefahr beschrieben. Um das zu illustrieren, schilderte sie den Fall eines französischen Schülers, der für eine Prüfung mein Buch „Der Krieg hat kein weibliches Gesicht“ über Frauen im Zweiten Weltkrieg lesen und analysieren musste, was ihn, nach Meinung des Lehrerkollegiums, übermäßigem Stress aussetzte.

Mehrere Auflagen Ihres Tschernobyl-Buchs kamen im Berlin Verlag heraus, unter der Verlegerin Elisabeth Ruge, die voriges Jahr die Leitung von Hanser Berlin übernahm, wo bald auch Ihr neues Buch „Secondhand-Zeit“ erscheinen wird. Haben Sie schon gehört, dass sich Frau Ruge von Hanser Berlin trennen wird?

Nein! Da schockieren Sie mich aber. Elisabeth ist eine echte Brücke zwischen Deutschland und Russland. Sie verstand nicht nur den Text eines russischen Manuskripts, sondern auch das Nichtgesagte. Sie ist ja schon durch ihren Vater Gerd Ruge mit der russischen Kultur verbunden und hatte sogar eine russische Kinderfrau. Meine Bücher sind mit Elisabeth verbunden. Als ich nach ihrem Weggang im Berlin Verlag Gespräche führte, kam ich mir vor, als redete ich dort gegen eine Wand. Ich lese derzeit den Roman „Die Wohlgesinnten“ von Jonathan Littell, den sie auf Deutsch herausgebracht hat. Mir ist das Buch wichtig, weil es die Psychologie der Täter im Totalitarismus, die noch tabuisiert wird, verstehen hilft.

Wo sehen Sie heute zukunftsweisende Kräfte in Ihrer Heimat?

In der Provinz. Es ist vor allem die arme dörfliche Intelligenzija, die nicht durch Geld verführt wurde. Ich bewundere beispielsweise die Mitarbeiter der Bibliothek des Städtchens Pinsk, die trotz größter Mittelknappheit eine eigene unabhängige Zeitung machen. Ich habe immer gehofft, mit meinen Büchern dazu beizutragen, dass die Menschen nicht zynisch werden, aber auch nicht nur Revolution machen wollen. Allerdings bemerke ich neuerdings, dass die Glamour-Mode abflaut. Den Erfolgreichen reichen der Mercedes und die Villa nicht mehr, sie interessieren sich für Politik, sogar für die moralisierenden Sechziger, die sie früher verachtet haben.

Und was für Bücher werden Sie noch schreiben?

Als Nächstes stehen für mich „Hundert Erzählungen über die Liebe“ auf dem Plan. Ich will das spezifisch Russische an der Liebe herausarbeiten, die elementare Emotion, die Zügellosigkeit, die Hoffnung auf Glück, das dann nicht eintritt. Wir haben ja keine Kultur des Glücks. Und danach möchte ich noch ein Buch übers Altern machen. Allmählich wird das Thema für mich aktuell. Im Alter betritt man einen neuen Raum, der gedanklich erfasst und mit Sinn erfüllt sein will. Dabei interessiert mich vor allem, wie einfache Leute, die nicht wie Sie und ich von Berufs wegen schreiben, damit zurechtkommen.

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