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Ein Gespräch mit der Friedenspreisträgerin Swetlana Alexijewitsch : Uns fehlt die Kultur des Glücks

Da wandte sich meine Mutter an den „Klassenfeind“, ein nahe gelegenes Kloster, wo ich dann eine Zeitlang Ziegenmilch bekam. Das Beispiel dieser Nonnen, die mich retteten, zeigt, dass man in jeder Lage Mensch bleiben kann. Mein Vater war übrigens einer von denen, die bis zuletzt ihrem ideologischen Glauben treu blieben. Er hat sich sogar sein Parteibuch in den Sarg legen lassen.

Warum sind Sie nach zehn Jahren im Westen 2012 nach Minsk zurückgekehrt? Ist das eine Kapitulation vor dem Lukaschenka-Regime? Oder sind Sie auch von Europa enttäuscht?

Eine Mischung aus beidem. Tatsächlich scheinen die Menschen in Europa emotional abzukühlen. Sie werden immer verschlossener. Mir fällt das besonders auf, weil ich vom Dorf stamme, wo alle über alles reden. Mir ist inzwischen aber auch klar, dass Präsident Lukaschenka das ist, was die Mehrheit in Weißrussland will. Wir waren nach der Jahrtausendwende aus Protest ausgereist, nachdem er meine Bücher aus den Schullehrplänen entfernen ließ.

Wir konnten uns damals nicht vorstellen, dass Lukaschenka lang an der Macht bleiben würde. Aber er hat alle gekauft. Die einfachen Leute lieben ihn wirklich. Lukaschenka ähnelt in vielem dem russischen Präsidenten Putin, der mich an einen Kleingauner erinnert. Allerdings steht Lukaschenka seinem Volk tatsächlich nahe, während Putin das seine nicht versteht. Unsere Oppositionellen, die sich zanken, wer von ihnen aus dem Ausland wie viel Geld bekommen hat, sind nicht ernst zu nehmen. Übrigens habe ich in der Zeit, als ich in Italien, in Paris, Berlin und München wohnte, nie die jeweilige Landessprache gelernt. Inzwischen sind meine Eltern gestorben, jetzt kommen meine Enkel in die Schule. Ich muss einfach an dem Ort sein, über den ich schreibe.

Bereuen Ihre Informanten manchmal das, was sie Ihnen gebeichtet haben?

Ja, einige können die eigenen Einsichten auf Dauer nicht ertragen. Ich erinnere mich noch gut an eine Mutter, die, als ich ihr zuerst begegnete, auf dem Zinksarg ihres Sohnes saß, der in Afghanistan getötet worden war. Sie berichtete mir, dass der Junge während seiner Ausbildung bei der Armee Generalsdatschen bauen musste und dann bei einem seiner ersten Feldeinsätze starb.

Doch dann ernannte ein Gericht ihn postum zum Helden. Da verklagte mich die Frau wegen meines Buchs „Zinkjungen“, das auch ihre Geschichte enthält, als Verräterin. Ich hielt ihr vor: „Aber Natascha, du hast mir das, was dort geschrieben steht, doch selbst erzählt.“ Woraufhin sie entgegnete, das sei meine Wahrheit, von der sie nichts wissen wolle. Was sie brauche, sei ein Held als Sohn.

Obwohl Minsk Ihre Heimat ist, schreiben Sie nicht auf Belorussisch.

Ja, ich schreibe nur russisch und verstehe mich auch als Angehörige der russischen Kultur. Die weißrussische Sprache ist sehr bäuerlich und literarisch unausgereift.

Sie haben Tschernobyl als das Ende der Utopie und den Beginn einer neuen Zeitrechnung bezeichnet. Was ist seither anders geworden?

Die Sowjetunion ist nicht zuletzt an Tschernobyl zugrunde gegangen. Damals wurde aber auch für alle Welt deutlich, dass der technische Fortschritt in einen Kriegszustand des Menschen mit sich selbst mündet. Als man die Bewohner der verseuchten Gebiete evakuierte, mussten sie alle Haus- und Nutztiere zurücklassen. Zwei Tage später wurden die Tiere von Soldaten erschossen. Das war Verrat an der Menschlichkeit. Biologen stellten fest, dass man im Erdreich keine Würmer mehr fand, so tief hatten die sich eingegraben.

Die Bienen verließen ihre Stöcke nicht mehr. Davon können wir einiges über unsere Überlebenschancen lernen. Ich sympathisiere seither mit Albert Schweitzer und seinem Imperativ der Ehrfurcht vor dem Leben. Mir imponiert auch die japanische Kultur, wo man sich ins Betrachten von Blüten versenken kann. Als ein japanisches Fernsehteam zu mir nach Minsk kam, richteten die Kameraleute am Ende des Besuchs in meinem Garten noch die Löwenzahnblüten, die sie niedergedrückt hatten, wieder auf. Das hat mich beeindruckt. Ich glaube, dass die Menschheit nur durch Mitgefühl überleben kann. Leider verarmen auch die Europäer mit zunehmender Rationalisierung emotional.

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