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Der syrische Autor Amer Matar : Mit dem Kopf in der Hölle

Eine Frau meldet sich: Also das habe sie jetzt nicht überzeugt. Sie werde das weiterhin einen Bürgerkrieg nennen.

Matar schreibt: „In der Hoffnung, die Weltöffentlichkeit zu bewegen, um den eigenen Untergang abzuwenden, sind die Syrer massenhaft zu Fotografen und Journalisten geworden. Tausende junger Menschen haben zur Kamera gegriffen und dokumentieren ihre Revolution. Einige haben dabei ihr Leben gelassen. Das maßlose Leid hat das Gedächtnis jedes Syrers in ein Massengrab verwandelt. Die Opfer sind Mensch und Ort. Ich entdecke, wie naiv wir sind. Entdecke, dass die Menschlichkeit der Anderen eine Lüge ist, auf die wir hereinfallen.“

Wie ein harmloser Streich

Wie, fragt die Interviewerin, ebenfalls Mitarbeiterin des Germanistischen Instituts der Universität Gießen, sei eigentlich seine Wahrnehmung: Passe die mediale Vermittlung des Konflikts in Europa zu den Bildern, die er im Kopf habe? Matar geht auf die Frage nicht ein, und man weiß nicht: Versteht er sie nur wegen des Dolmetschers nicht, oder will er sie nicht verstehen? Seine Antwort setzt sich zusammen aus Begriffen wie „Zugriff“ oder „Intervention“. Es gehe darum, das Blutvergießen irgendwie zu stoppen, sagt sein Dolmetscher.

Die Interviewerin meldet sich. Das sei ja alles richtig. Sie wolle aber noch einmal auf den Punkt der Wahrnehmung zurückkommen.

Matar schreibt: „ ‚Wir machen uns Sorgen um Euch wegen der Islamisten‘, wird in der kommenden Veranstaltung der nächste europäische Greis bemerken. Wieder werden Kehlen durchtrennt.“

Eine ältere Dame mit Hut und großformatiger Sonnenbrille steht auf. Wenn das so sei, sagt sie, und er Syrien so liebe, warum gehe er dann nicht einfach zurück dorthin, wo er herkomme. Ein Raunen geht durch Saal, Biergläser fallen um, und als schließlich jemand die zeternde Dame hinauswirft, sind sich für einen Moment doch noch alle einig: Applaus brandet auf, Matar lächelt. Aber es wirkt nicht wie ein triumphierendes Lächeln, eher wie das eines Vaters, dessen Kind ihm einen harmlosen Streich gespielt hat.

Eigentlich gescheitert

Amer Matar, 26 Jahre alt, ist beileibe kein gebrochener Mensch mit eingefallenen Augen und leerem Blick. Vor dem Plenum sitzt ein charismatischer, junger Mann. Man könnte ihn sich beim Tanzen vorstellen, beim Trinken mit Freunden, wie er einen völlig inhaltsleeren und dafür umso gehaltvolleren Sommertag am See verbringt. Aber die Langsamkeit seiner Gesten, das Drehen seines Kopfes in Zeitlupe, all das drückt eine Müdigkeit aus, die vielleicht augenfälligstes Merkmal seiner inneren Brüchigkeit ist.

Amar spricht zu Lebenden, aber es wirkt stets, als beziehe er die Toten mit ein. Als bestehe das Publikum aus Hüllen, und als könnte darin kurzzeitig die Silhouette irgendeines Bekannten aufblitzen.

Eigentlich ist das Gespräch gescheitert. Matar aber bleibt höflich, er spricht über Politik, weil das Plenum über Politik sprechen möchte. Assad beherrsche den Grundsatz des Diktums „Teile und herrsche“, sagt Matar, und versuche Schiiten und Sunniten gegeneinander aufzubringen, um die Opposition zu spalten. Als er zum dritten Mal die Notwendigkeit wiederholt, in Syrien militärisch zu intervenieren, setzt Matar hinzu: Falls das nicht möglich sei, könne man auch humanitär helfen.

Die Medien können das syrische Volk nicht retten

Zum Schluss der Veranstaltung zeigt er einen Kurzfilm: Menschen auf der Straße, Gesang, Fahnen, die Revolution als Volksfest. Ein junges Mädchen intoniert den Revolutionsgesang auf der Ladefläche eines Lasters. Später steht sie alleine vor der Kamera, und singt es Matar noch einmal vor. Dann eine Explosion, Geschrei, die Kamera wackelt durch den Staub.

Matar schreibt: „Ich werde aufhören, zu schreiben. Aufhören, die Lüge von der Macht der Medien zu glauben. Aufhören zu glauben, dass die Medien das syrische Volk vor Misshandlung und Tod retten können.“ Warum, frage ich ihn nach der Veranstaltung, mache er das dann. Warum setze er sich diesem Risiko aus - nur um solche Filme zu drehen? Matar lächelt.

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