https://www.faz.net/-gqz-7l5ws

CD der Woche: Bruce Springsteen : Der Geist von Tom Joad geht flöten

  • -Aktualisiert am

Hörprobe: „The Ghost Of Tom Joad“ Bild: Sony Music

Wer hat eigentlich alles mitgeredet bei Bruce Springsteens neuem Album? „High Hopes“ erinnert jedenfalls an den Brei mit den vielen Köchen.

          Als der Boss einmal müde war und keine Songideen mehr hatte, fuhr er mit seinem alten Camaro hin und her im Staat New Jersey, doch alles schien ihm abgegrast und öde. Kurz erwog er, einfach ein Album über die Dunkelheit am Rande der Stadt zu machen, doch dann durchfuhr es ihn siedendheiß, dass er das schon vor langer Zeit getan hatte. Kurz zuckte auch sein Fuß am Gaspedal, als ein Halbstarker mit seinem Hot Rod neben ihm an der Ampel durch wildes Aufröhrenlassen des Motors ein Rennen forderte. Aber als das Licht auf Grün sprang, ließ er ihn doch ziehen und schaute nur wehmütig hinterher.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Bei Gesprächen mit der Plattenfirma über neues Material behielt der Boss wie immer sein Pokerface und schob den Unterkiefer vor. Doch es kam der Tag, an dem die Firma sehen wollte. Zu oft hatte er sie mit E-Mails hingehalten, in denen stand: „Ab heute wird geliefert“, oder auch nur „Ich habe einen Traum“ - dann aber nichts mehr von sich hören lassen. Als auch das letzte Ultimatum abgelaufen war, wurde der Boss zur Krisensitzung einbestellt.

          Ein junger Bursche aus der Social-Media-Abteilung schlug vor, einfach einen Twitterwettbewerb für neue Springsteen-Songs auszuschreiben und dann die besten davon aufzunehmen. Da aber fühlte der Boss sich bei seiner Ehre gepackt und sagte: „Amerika ist zwar eine Demokratie, aber die Songs dazu schreibe immer noch ich.“ Dann bliebe nur, im unveröffentlichten Material zu wildern, sagte der A-&-R-Manager. „Du hast da doch noch einiges, zum Beispiel diese Ballade, die du immer live spielst, über den in Vietnam verschollenen Jersey-Shore-Rocker Walter Cichon, dein frühes Vorbild. Und ein Song für die Veteranen ist nie verkehrt.“ Da lächelte der Boss ein bisschen, denn alles, was ihn an die alte Zeit erinnerte, war gut. Da das Lied „The Wall“ hieß, fiel es als Albumtitel leider aus, aber im Springsteen-Turnus zwischen Euphorie und Untergangsstimmung war nach „Wrecking Ball“ nun wohl ohnehin wieder etwas Fröhlicheres angesagt.

          Der Boss überlegte und schlug dann „Dream Baby Dream“ vor, eine alte Covernummer, die er sehr liebte. Die von der Firma sahen sich an, bis einer sagte: „Wir schätzen deine positive Einstellung, Bruce, aber nach ,Working on a Dream‘ wäre das nun vielleicht doch etwas viel Träumerei. Wir hätten da lieber wieder etwas Hemdsärmliges, Geradeausrock, es gibt da doch auch diese Nummer, bei der Du immer so ächzt wie ein Schwerarbeiter, ,High Hopes‘?“ Man war sich schnell einig, dass dies ein Hammer-Albumtitel sein würde.

          Nun mischte sich aber noch einer der Unternehmensberater ein, welche die Plattenfirma seit einiger Zeit bei vielen Projekten hinzuzog, und sagte: „Ich denke, wir müssen da auch noch etwas am Stil schrauben. Synth Pop und Irish Folk hat Bruce jetzt langsam durch, es wird Zeit, mal wieder etwas ganz anderes zu machen. Vielleicht so irgendwie Richtung Mambo oder Big-Band-Swing? Und da Little Steven ohnehin zur Zeit für seine Fernsehserie beschäftigt ist, könnten wir an der Gitarre mal was Neues probieren. Vielleicht so jemanden wie Tom Morello von Rage Against The Machine?“

          Zwischen Van Halen und den Scorpions

          Der Boss hielt das zunächst für einen Witz, doch plötzlich waren alle dafür: Hammer-Idee! So wurde das Potpourri also eingespielt. In der Schublade fanden sich noch einige Nummern wie „Heaven’s Wall“, die immerhin an die beste Zeit der E Street Band zwischen 1975 und 1985 erinnerten und die neumodische Endabmischung sogar fast unbeschadet überstanden hatten. Bei einer B-Seite mit dem Titel „Down in the Hole“ hatte der Boss zwar einige Bedenken, weil sie ziemlich schamlos seinen Hit „I’m on Fire“ kopierte, wurde aber von der Firma beruhigt, das sei gar nicht so schlimm, zumal es ja auch viele junge Hörer gebe, die das Original gar nicht kennen.

          Da die Sache mit Tom Morello nun einmal beschlossen war und dieser überall irrwitzige E-Gitarrensoli beisteuerte, dachte sich der Boss einen kleinen Scherz aus: Er opferte eines seiner schönsten Stücke, „The Ghost of Tom Joad“, um zu sehen, was der Berserker aus dem sparsamen Folksong wohl machen würde. Das Ergebnis klang dann wie eine Mischung aus Van Halen und den Scorpions.

          Nach Abschluss der Produktion fuhr der Boss wieder viel und rastlos mit dem Auto herum. Einmal lief im Radio ein altes Lied von ihm, das ihm glasige Augen machte: „Racing in the Street“, die schöne, lange Live-Version. Doch der D.J. spielte sie leider nicht bis zu Ende aus.

          Topmeldungen

          „Zerstörung der CDU“ bei Youtube : Kommt damit klar!

          „Ihr sagt doch immer, dass die jungen Leute mehr Politik machen sollen“: Ein politisches Video des Youtubers Rezo sorgt unter Jugendlichen für Aufregung. Sein Titel: „Die Zerstörung der CDU“.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.