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CD der Woche: „Big Sur“ von Bill Frisell : Das rockt, ganz zweifellos

  • -Aktualisiert am

Hörprobe: „Going to California“ Bild: OKeh Records/Sony Classica

Sonst eher der Typ Chemielehrer, dreht der Gitarrist Bill Frisell jetzt richtig auf. Der kalifornische Küstenstreifen Big Sur hat aus dem Jazzer einen Rocker gemacht.

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          Von der Faszination des kalifornischen Küstenstreifens Big Sur haben sich schon viele einfangen lassen. So hat Henry Miller einst in „Big Sur und die Orangen des Hieronymus Bosch“ mit Begeisterung darüber berichtet, wie er seinen Hausmüll einfach die Steilküste hinabgeworfen hat. Auch Bill Frisell offenbart nun ein persönliches Verhältnis zu dieser Gegend.

          Der Jazzgitarrist, der im Ostküstenstaat Maryland geboren und in den achtziger Jahren als Teil der Downtown-Szene New Yorks bekannt wurde, beschäftigt sich seit einigen Jahren verstärkt mit ländlichen Klängen. Im April 2012 hat er sich für knapp zwei Wochen in der Glen Deven Ranch in Kalifornien einquartiert und dort die neunzehn Songs geschrieben, die nun sein neues Album „Big Sur“ füllen. Dabei hat er sich vor allem von der lieblichen und majestätischen Landschaft inspirieren lassen, wovon Songtitel wie „Going to California“ oder „A Beautiful View“ Zeugnis ablegen. Wer nun aber meditatives Klangwolken-Gesäusel erwartet, liegt falsch.

          Die große Welle

          Mit einem äußerst originell besetzten Quintett, zu dem bis auf den Schlagzeuger Rudy Royston ausschließlich Streicher gehören, setzt Frisell vielmehr zu einem gewagten Ritt durch sämtliche musikalischen Klischees an, die man gemeinhin mit Kalifornien verbindet. Die größte Überraschung dabei ist, dass sein Ensemble wie eine Rockband klingt.

          Mit dem Cellisten Hank Roberts arbeitet Bill Frisell schon seit Jahrzehnten zusammen. Die Geigerin Jenny Scheinman und der Bratschist Eyvind Kang gehören ebenfalls zu seinen Dauerpartnern. Sie alle verleihen seiner Musik einen frischen Kick, die „Big Sur“ zu einer der besten Platten in Frisells reichhaltigem Werk macht. Die Rolle des vitalen und geradezu hypernervös auftrumpfenden Schlagzeugers Rudy Royston kann man dabei gar nicht unterschätzen. Er stört die Band immer wieder auf, wenn sie im pastoralen Schönklang zu versinken droht. Und vor allem - er rockt einfach.

          Im vergangenen September stieß die Band zu Frisell, um sich auf den Auftritt beim Monterey Jazz Festival vorzubereiten. Ein halbes Jahr später hat das Quintett das Repertoire dann schließlich in den Fantasy Studios von Berkeley aufgenommen. Frisells langjährigem Produzenten Lee Townsend ist es dabei gelungen, die Magie des bestens aufeinander eingespielten Ensembles adäquat und farbenprächtig einzufangen. Dem kurvenreichen „Highway 1“, einer der schönsten Küstenstraßen der Welt, folgt das gleichnamige Stück im ausgeruhten mittleren Tempo, Scheinman und Frisell setzen quietschende Akzente. Mit der sentimentalen Miniatur „We All Love Neil Young“ setzt der Gitarrist einem der berühmtesten Bewohner des Staates ein Denkmal. Und dann ist da noch „The Big One“, eine scheppernde Hommage an den Surf-Sound der fünfziger und sechziger Jahre. Damit ist natürlich die große Welle gemeint, auf die Surfer manchmal einen ganzen Tag warten. Mit einem geradezu gefährlich klingenden Gitarrenmotiv - auf der Bühne hat Frisell mehr die Ausstrahlung eines schüchternen Chemielehrers - leitet Frisell diese tour de force ein, bei der die Streicher mit rasanten Glissandi über ihre Griffbretter rutschen und die von Royston mit trockener Power angetrieben wird.

          Im Verlauf des Albums streifen Frisell und seine Band dann noch klassische Elemente, melancholische Country-Anleihen und schlichte Folk-Melodien. Der verträumte „Song for Lana Weeks“ etwa könnte glatt aus der Feder von Jackson Browne stammen. „Es war außergewöhnlich“, schildert Bill Frisell seinen Inspirationsschub. „Ich war von Wald umgeben und konnte über einen kleinen Pfad bis zur Küste vorstoßen. Dort bricht das Land einfach ab, und man sieht das ganze Panorama der Küste von Big Sur mit dem Pazifischen Ozean. Damit bin ich jeden Morgen aufgewacht - unglaublich.“

          Wie vielfältig und kontrastreich Bill Frisell das alles verarbeitet hat, ist dennoch, trotz solcher überwältigender Impressionen, ein kleines Wunder.

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